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Systemische Therapie: Das Umfeld spielt für die Problemlösung eine wichtige Rolle

31.05.2018 | Autor: Annabell Meyer

Bundes­weit kämpfen viele Men­schen mit psychischen Pro­blemen, die sie in ihrem Allt­ag belasten. Nicht selten ist dabei ihr soziales Umfeld Teil des Problems. Ob Ärger in der Schule oder am Arbeits­platz, Beziehung­skrisen oder ein Familienkrach – persönliche Beziehungen werden häufig zur Belastungsprobe für die Psyche. Hier setzt die Systemische Therapie an, die versucht, das Umfeld in die Lösung psychischer Probleme mit einzubeziehen.

Für Dr. Björn Enno Hermans, den Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, ist dies eine gern genutzte Behandlungsform. Davon könnten ihm zufolge noch weitaus mehr Menschen als bisher profitieren. Doch viele Betroffene können sich die Behandlung nicht leisten. Denn die gesetzliche Krankenkasse kommt nicht für die Kosten auf.

Björn Enno Hermans

Dr. Björn Enno Hermans

von der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie

Eine Systemische Therapie hebt sich von einer „normalen“ Psychotherapie ab, indem unter anderem das Umfeld des Betroffenen mit einbezogen wird. Für wen empfiehlt sich diese Form der Behandlung besonders?

Dr. Björn Enno Hermans: Generell eignet sich eine Systemische Therapie für viele Anwendungsbereiche und Störungsbilder. Dies wurde kürzlich vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen bestätigt. Daher würde ich eher andersherum sagen, dass es keine besonderen Ausschlusskriterien gibt, wann sich eine solche Therapie nicht empfiehlt.

Sicherlich bietet sich die Systemische Therapie aber besonders dort an, wo Klienten selbst ahnen, dass ihre Problematik im Zusammenhang mit Beziehungen steht. Darüber hinaus kommt die Systemische Therapie grundsätzlich für die breiten Anwendungsbereiche von sozialen Problemlagen sowie psychischen Störungen im klinischen Bereich in Frage.

Wie wird das Konzept der Systemischen Therapie bisher angenommen?

Dr. Björn Enno Hermans: Meiner Erfahrung nach wird die Systemische Therapie gerne genutzt und würde sogar noch intensiver genutzt werden. In Deutschland sind wir ja das einzige europäische Land, in dem es nicht die gleiche Finanzierung wie bei anderen Behandlungsverfahren, beispielsweise einer Verhaltenstherapie, gibt. Unser großes Ziel ist daher die sozialrechtliche Anerkennung der Systemischen Therapie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung.

Bisher wird die Systemische Therapie eher in Kliniken oder in Privatpraxen angewandt, da bei der ambulanten Versorgung keine Kostenübernahme durch die Krankenkassen erfolgt. Gesetzlich Versicherte können sich eine solche Therapie daher oft nicht leisten.

Besonders verbreitet ist die Systemische Therapie daher derzeit in Bereichen außerhalb der ambulanten Heilbehandlung. Dazu zählen die Jugendhilfe und viele Beratungsstellen. Für die Jugendhilfe gehört die Systemische Therapie sogar zu den führenden Therapieverfahren, weil dort in der Regel andere Finanzierungsmöglichkeiten bestehen, sodass die Behandlung nicht selbst gezahlt werden muss.

Seit Jahren wird in der Politik und der Gesundheitsbranche darüber beraten, die Systemische Therapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen. Warum kam es bisher zu keiner klaren Entscheidung?

Dr. Björn Enno Hermans: Hier kommt es immer auf die unterschiedlichen politischen Interessenlagen an. Die Systemische Therapie wurde bereits 2008 vom wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie anerkannt. Die gesetzliche Krankenversicherung kommt bisher jedoch nicht für die Behandlung auf, weil darüber der Gemeinsame Bundesausschuss entscheiden muss. Bereits die Antragstellung für die Überprüfung einer Kostenübernahme hat sich lange hinausgezögert, ebenso wie das Prüfverfahren selbst.

Nun steht eigentlich nur noch die Entscheidung aus. Warum diese bisher nicht getroffen wurde, ist nicht wirklich klar. Eigentlich hätte die Entscheidung in diesem Sommer angestanden, laut dem aktuellen Berichtsplan soll sie nun im ersten Quartal 2019 kommen.

Wie teuer ist eine Systemische Therapie für Patienten im Schnitt?

Dr. Björn Enno Hermans: In der Regel sind die Kostensätze ähnlich wie bei anderen Richtlinienverfahren für die Kassenpsychotherapie. Ein grober Richtwert sind hier 90 Euro für eine Sitzung von 50 Minuten. Bei der Systemischen Therapie gibt es sicherlich eine gewisse Varianz: in einigen Regionen kostet eine 50-Minuten-Sitzung beispielsweise lediglich 70 Euro, in anderen Gebieten dagegen über 100 Euro. Hier kommt es auf die Nachfrage an.

Welche Erfolge können mit einer Systemischen Therapie erzielt werden?

Dr. Björn Enno Hermans: Generell haben sowohl die anderen Psychotherapieverfahren als auch die Systemische Therapie ihre Vorteile. Was die Systemische Therapie vielleicht besonders ausmacht, ist ihre starke Lösungsfokussierung und eine etwas andere Herangehensweise an Probleme. So gelingt es häufig, in relativ kurzer Zeit erste Erfolge zu erzielen.

Zudem konzentriert sich die Systemische Therapie natürlich besonders darauf, eine Lösung „im System“ zu finden. Das bedeutet, dass geschaut wird, welche Ressourcen im Umfeld des Betroffenen bereits vorhanden sind und wie diese bestmöglich zur gemeinsamen Problemlösung genutzt werden können. So sind verschiedene Bezugspersonen an der Lösungsfindung beteiligt. Das führt dazu, dass zwischen den einzelnen Therapiestunden meist eine enorme Veränderung in den Beziehungen der Betroffenen stattfindet.

Welche Anlaufstellen gibt es für Betroffene, die sich für eine Systemische Therapie interessieren?

Dr. Björn Enno Hermans: Derzeit sind das private Praxen, die zum Beispiel über die Suchfunktionen der Fachgesellschaften wie der DGSF gefunden werden können. Falls die Finanzierung aus eigener Tasche nicht in Frage kommt, können sich Betroffene auch an verschiedene Beratungsstellen für Familien, Kinder und Jugendliche oder auch Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen wenden. In der Regel sind dort Experten mit einer Systemischen Weiterbildung beschäftigt, die ihnen helfen können.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Hermans.