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Palliativmedizin: „Von einer flächendeckenden Versorgung sind wir noch weit entfernt“

29.08.2018 | Autor: Annabell Meyer

Bild von Heiner Melching

Heiner Melching von der DGP

In Deutsch­land gibt es aktuell rund 300 Palliativ­stationen und über 200 Hospize, um schwer­kranke Menschen best­möglich zu versorgen und zu betreuen. Pro Jahr werden in diesen speziellen Ein­richtungen etwa 90.000 Patienten versorgt, erklärt Heiner Melching von der Deu­tschen Gesell­schaft für Palliativ­medizin e.V. (DGP).
Die Palliativmedizin ist jedoch längst nicht mehr nur „eine Versorgungform für die letzte Lebenszeit“, betont er im Interview. Vielmehr kann sie sowohl Patienten als auch ihren Angehörigen eine große Stütze sein, wenn sie frühzeitig in die Behandlung einbezogen wird.

Herr Melching, nachdem die Palliativmedizin lange Zeit eher als Randerscheinung galt, kommt ihr inzwischen eine immer größere Rolle zu. Warum wird die palliative Versorgung wichtiger?

Heiner Melching: Hierfür gibt es mehrere Gründe. Dazu gehört zum einen natürlich die demographische Entwicklung. Sie trägt dazu bei, dass wir zunehmend hochaltrige Menschen haben, die auch einen erhöhten palliativen Versorgungbedarf aufweisen.

Zum anderen ist der medizinische Fortschritt entscheidend: Schwerkranke Menschen, die vor einigen Jahren noch eine ausgesprochen schlechte Prognose hatten, können aufgrund moderner Therapieformen auf eine weitaus längere Überlebenszeit hoffen. Diese Zeiten sind aber nicht selten mit Symptomen und Belastungen verbunden, die einer guten Palliativversorgung bedürfen.

Auch die Weiterentwicklung der Palliativmedizin selbst ist ein Grund für die wachsende Bedeutung. Während Palliativmedizin früher oftmals als eine Versorgungform für die letzte Lebenszeit verstanden wurde, weiß man aufgrund von Erfahrungen und durch wissenschaftliche Studien, dass eine frühzeitige Integration der Palliativmedizin von großem Nutzen für Patienten und deren Angehörigen ist.

Wie ist Deutschland bei der Palliativversorgung aktuell aufgestellt?

Heiner Melching: Generell bestehen in Deutschland bezüglich der Versorgungsdichte und -qualität beträchtliche Unterschiede zwischen den Bundesländern und einzelnen Regionen. Insbesondere im Bereich der spezialisierten Palliativversorgung ist die Entwicklung der letzten Jahre sehr erfreulich. Von einer flächendeckenden Versorgung sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass sich die positive Entwicklung weiter fortsetzt.

Weniger zufriedenstellend ist die Situation in der allgemeinen Palliativversorgung. Die meisten Krankenhäuser verfügen noch nicht über ausreichende personelle Ressourcen, wie qualifizierte multiprofessionelle Palliativdienste, um Patienten auch außerhalb von Palliativstationen entsprechend zu versorgen.

Noch schlimmer ist die Hospiz- und Palliativversorgung in Pflegeeinrichtungen, die kaum die Möglichkeit haben, ausreichend qualifizierte Palliative-Care Pflegekräfte zu beschäftigen. Aber auch im Bereich der Forschung besteht insgesamt noch erheblicher Verbesserungsbedarf.

Zu Ihren Zielen gehört es, eine bestmögliche palliative Versorgung zu ermöglichen. Welches sind in Ihren Augen die drei wichtigsten Maßnahmen für Erkrankte?

Heiner Melching: Zunächst ist es die frühzeitige Information über Möglichkeiten der Hospiz- und Palliativversorgung sowie die offene und an den Wünschen der Betroffenen orientierte Information über die Krankheitssituation. Hierzu zählt auch die Aufklärung über Patientenrechte, beispielsweise das Recht, medizinische oder pflegerische Maßnahmen abzulehnen.

Der zweite wichtige Aspekt ist der Anspruch auf palliativmedizinische Versorgung sowohl in einem Krankenhaus als auch ambulant. Essentiell ist dabei auch, dass Palliativversorgung nicht nur den Patienten im Blick hat, sondern sich nahezu im gleichen Umfang um Angehörige der Patienten kümmern kann.

Als drittes würde ich die Multidisziplinarität der Palliativversorgung nennen. Sie hält für Patienten und Angehörige neben Medizin und Pflege verschiedene Professionen wie Sozialarbeit, Physiotherapie und weitere Therapiebereiche sowie eine Vielzahl an Ehrenamtlichen aus der Hospizbewegung bereit.

Welche Leistungen können Angehörige von Schwerkranken im Rahmen einer palliativen Behandlung in Anspruch nehmen?

Heiner Melching: Angehörige gehören nach der aktuellen Definition der Weltgesundheitsorganisation explizit zur Zielgruppe der Behandler, Therapeuten und Begleiter der Palliativversorgung. Die Leistungen für sie umfassen neben der Einbeziehung in Entscheidungen und einer umfänglichen Aufklärung – sofern dies dem Willen der Patienten entspricht – vor allem die psychosoziale Unterstützung.

Hinzu kommen:

  • das Organisieren von Hilfsmitteln,
  • die Beantragung zusätzlicher Leistungen,
  • die Vermittlung weiterer Angebote bis hin zu
  • Angeboten der Trauerbegleitung.

Tipp

Um Betroffene bei der Suche nach Angeboten der Hospiz- und Palliativversorgung zu unterstützen, stellt die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e.V. einen Wegweiser zur Verfügung.

Um die palliative Behandlung von schwerkranken Menschen zu verbessern, kommen die Krankenkassen seit mehr als einem Jahr für medizinisches Cannabis auf. Häufig gibt es bei der Bewilligung jedoch Probleme. Wie lässt sich hier gegensteuern?

Heiner Melching: Gerade beim Cannabis glaube ich persönlich nicht, dass es vordergründig Kostengründe sind, weshalb sich Kassen damit schwertun – dafür ist das Präparat viel zu günstig. Dennoch ist es für die Palliativmedizin, die zeit- und personalintensiv ist, generell schwierig, in einem zunehmend brutal ökonomisch orientierten Gesundheitssystem zu bestehen. Besonders im Krankenhaus fällt es an vielen Stellen schwer, sich dem Verdacht zu erwehren, dass bestimmte Behandlungen eher einer wirtschaftlichen als einer medizinischen oder pflegerischen Indikation folgen.

Hier bräuchten wir eine sehr viel stärkere Trennung von Medizin und betriebswirtschaftlichen Erwägungen. Volkswirtschaftlich betrachtet würde durch ein Zurückdrängen betriebswirtschaftlich gesteuerter Therapieentscheidungen vermutlich sogar ein Nutzen entstehen. Aber vor allem die Patienten würden davon profitieren, wenn Therapieempfehlungen ausschließlich der fachlichen Expertise der Behandler geschuldet sind.

Vielen Dank für das Interview, Herr Melching.