Interview mit Reinhild Fürstenberg: Home­of­fice.

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion

Redaktionsleitung

Fürstenberg Institut 2020

Reinhild Fürstenberg

Geschäftsführerin des Fürstenberg Instituts

Mitarbeiterführung: „Wer nichts tut, zahlt hinterher meist doppelt“

Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse und der Technischen Universität Chemnitz verschwimmt bei 60 Prozent der von Zuhause aus Arbeitenden die Grenze zwischen Privat- und Arbeitsleben – jeder Vierte findet dies belastend. Das Homeoffice stellt jedoch nicht nur die Beschäftigten vor eine Herausforderung.

Auch die Unternehmen selbst müssen sich der Hürde stellen, den Arbeitsalltag digital abzubilden. Da der Kontakt zu den Mitarbeitern weniger eng ist, sind Führungskräfte noch mehr als sonst gefragt, auf kleine Veränderungen zu achten. So können sie frühzeitig auf gesundheitliche Probleme, vor allem im mentalen Bereich im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie reagieren.

Um den Kontakt zu den Mitarbeitenden nicht zu verlieren, „braucht es neue Strukturen für regelmäßige Kommunikation“, sagt Reinhild Fürstenberg. Sie ist Geschäftsführerin des vor 30 Jahren gegründeten Fürstenberg Instituts, das sich auf die externe Mitarbeiter- und Führungskräfteberatung spezialisiert hat. Im Interview spricht sie über das gewachsene Beratungsinteresse im Zuge der Corona-Pandemie, über präventive Maßnahmen und über Warnzeichen mentaler Probleme.

Sie unterstützen Firmen dabei, ihre Mitarbeiter gesund und leistungsstark zu halten. Wie hat sich das Beratungsinteresse Ihrer Kunden seit Beginn der Corona-Pandemie geändert?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Fürstenberg Institut 2020

Das Beratungsaufkommen in der Mitarbeiterberatung ist deutlich gestiegen. Schon im März haben wir einen Anstieg von mehr als 30 Prozent registriert.

Am Anfang war eine große Verunsicherung zu spüren, Angst vor dem Virus, davor, Angehörige nicht mehr besuchen zu können, vor Isolation im Homeoffice und finanzielle Sorgen. Jetzt im zweiten Lockdown erleben wir teilweise Hoffnungslosigkeit und Resignation. Depressionen, Suchtmittelmissbrauch und sogar Suizidgedanken nehmen zu.

Es kommen auch vermehrt Führungskräfte in die Beratung, die nicht wissen, wie sie mit mental belasteten Mitarbeiter*innen umgehen sollen oder die sich darin coachen lassen wollen, Teams im Homeoffice zu führen.

Sie raten in einem Beitrag für das Netzwerk Xing davon ab, als Arbeitgeber bei Angeboten zu sparen, die die mentale Belastung am Arbeitsplatz reduzieren. Welche Angebote sind das beispielsweise?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Fürstenberg Institut 2020

Vor allem das Angebot der externen Mitarbeiter- und Führungskräfteberatung ist in diesen Zeiten unerlässlich. Die individuelle Beratung hat einen großen Effekt auf die psychische Stabilität der Mitarbeitenden. Laut einer aktuellen Studie von Roland Berger können so auch Ausfallkosten aufgrund mentaler Belastungen in der Belegschaft deutlich reduziert werden.

Psychische Erkrankungen sind immerhin die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage in Deutschland und ziehen meist eine längere Abwesenheit nach sich. Hier können Unternehmen mit Präventionsangeboten gut gegensteuern. Wer nichts tut, zahlt hinterher meist doppelt. Denn Unternehmen brauchen gesunde, stabile Mitarbeitende, um zukunftsfähig und krisenresistent zu sein.

Die Roland Berger Studie zeigt: Firmen, die ein effektives Gesundheitsmanagement etabliert haben, erreichen bis zu elf Prozent mehr Umsatz, einen 76 Prozent höheren Aktienwert und haben eine 40 Prozent geringere Fluktuation.

Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste präventive Maßnahme, damit es erst gar nicht zu Belastungssituationen kommt?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Fürstenberg Institut 2020

Statt vieler kleiner Einzelmaßnahmen braucht es ein durchdachtes, auf das jeweilige Unternehmen zugeschnittenes Konzept, das gesunde Rahmenbedingungen, gute Führung und die Verantwortung jedes einzelnen Mitarbeiters für seine Gesundheit miteinander verzahnt. Es sollte schnell Entlastung für die Mitarbeitenden bringen.

Eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GBU Psyche), die der Gesetzgeber laut Arbeitsschutzgesetz vorschreibt, ist ein guter erster Schritt. Mit einem externen Dienstleister wie dem Fürstenberg Institut lässt sich diese gesetzliche Vorgabe effektiv, schnell und nachhaltig umsetzen, ohne interne Ressourcen im HR-Team zu binden.

Welche Warnzeichen gibt es beim Arbeitnehmer, die zeigen, dass dessen mentale Belastung zugenommen hat?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Fürstenberg Institut 2020

Als Faustregel gilt: wenn ein Kolleg*in mehrfach auffällt, weil er oder sie sich anders verhält als sonst, sollte man hellhörig werden. Vielleicht bemerken Führungskräfte, dass jemand häufig unkonzentriert oder angespannt ist, mehr Fehler macht, gereizt reagiert, unzuverlässig wird oder schneller aus der Haut fährt. Auch verstärktes Misstrauen oder eine stetige Vorwurfshaltung gegenüber Kolleg*innen und Vorgesetzten gehören zu den Indikatoren für mentale Belastungen.

Ist jemand plötzlich viel ruhiger als sonst, distanziert sich und berichtet öfter, dass er oder sie schlecht geschlafen hat, kann es ebenso sein, dass es ihm nicht gut geht. Führungskräfte haben in der Regel aufgrund ihrer Erfahrung ein gutes Gespür und können oft auch in virtuellen Meetings Veränderungen zum Beispiel an Stimme und Mimik wahrnehmen. Dann sollten sie die betreffende Person in jedem Fall zeitnah ansprechen.

Viele Mitarbeiter arbeiten durch den erneuten Lockdown wieder im Homeoffice.
Der Fokus liegt somit wieder verstärkt auf der virtuellen Kommunikation.
Welche Herausforderungen birgt diese Form der Kommunikation für Führungskräfte beziehungsweise Unternehmen und wie können diese umschifft werden?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Fürstenberg Institut 2020

Um gut mit den Mitarbeitenden in Verbindung zu bleiben, braucht es neue Strukturen für regelmäßige Kommunikation mit allen Mitarbeitenden, die proaktiv von der Führungskraft gesteuert werden sollte. Außerdem müssen wir lernen, mit digitalem Stress umzugehen, wenn auf vielen verschiedenen Kanälen parallel Nachrichten eintrudeln und die Technik auch mal nicht funktioniert.

Je nach Digitalaffinität ist es nicht immer für alle Mitarbeitenden gleich einfach, sich auf neue Konferenztools und digitale Kommunikationswege einzustellen. Hier helfen neben Schulungen auch feste Absprachen, etwa in welchem Zeitraum auf Kundenanfragen oder unternehmensintern reagiert werden sollte oder zur Möglichkeit, die Chatfunktion einfach mal ausstellen zu dürfen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Fürstenberg.

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion