Umgang mit Demenz erfordert viel Flexibilität, Geduld und Klarheit

19.04.2018 | Autor: Annabell Meyer

Jutta Burgholte-Niemitz von der Hans und Ilse Breuer-Stiftung

Jutta Burgholte-Niemitz von der Hans und Ilse Breuer-Stiftung

Laut dem Bundesgesundheitsministerium leiden bundesweit rund 1,6 Millionen Menschen an einer Demenzerkrankung. Die Diagnose Alzheimer wirbelt dabei nicht nur den Alltag des Betroffenen, sondern auch den der Angehörigen durcheinander. Denn die Pflege von Demenzpatienten stellt sie vor große Herausforderungen.
Im Interview erklärt Jutta Burgholte-Niemitz von der Hans und Ilse Breuer-Stiftung, womit Angehörige von Demenzkranken besonders zu kämpfen haben. Um sowohl Erkrankte als auch Pflegende zu entlasten, unterstützt die Stiftung verschiedene Projekte. Dazu zählt auch das Demenzzentrum StattHaus Offenbach, das Burgholte-Niemitz leitet. Sie weiß daher, worauf es bei der Unterstützung für Demenzkranke und ihre Angehörigen ankommt.

Zu den Hauptzielen der Stiftung gehört es, die Lebenssituation von an Demenz Erkrankten und ihren Angehörigen spürbar zu verbessern. Seit mehr als einem Jahr ist das zweite Pflegestärkungsgesetz in Kraft, mit dem die Bundesregierung genau dies erreichen möchte. Was hat sich seither verändert?

Jutta Burgholte-Niemitz: Seit der Einführung wird seitens der Pflegekassen kein Unterschied mehr zwischen kognitiven Einschränkungen, zum Beispiel einer Demenz, und körperlichen Beeinträchtigungen gemacht. Das führt dazu, dass eine Einstufung in einen Pflegegrad – und damit die Möglichkeit einer finanziellen Unterstützung für die Inanspruchnahme von nützlichen Hilfen – wesentlich leichter erreicht werden kann. Betroffene Familien haben somit eine größere Chance auf eine stabilisierende Begleitung beziehungsweise überhaupt erst einen Anspruch darauf.

Welche weiteren Änderungen sind in Ihren Augen notwendig, um Demenzkranke und deren Angehörige künftig bestmöglich zu unterstützen?

Jutta Burgholte-Niemitz: Aus unserer Sicht braucht es seitens der Pflegekassen noch deutlich mehr proaktive Aufklärung, Informationen und konkrete verlässliche Auskünfte über Möglichkeiten und Verfahren. In unseren Beratungsgesprächen wird immer wieder deutlich, dass Angehörige eher durch Zufall von Hilfsmöglichkeiten erfahren.

Außerdem leiden sie neben der Versorgung des Betroffenen unter dem immensen Zeit- und Kraftaufwand, der oft mit den für sie undurchschaubaren bürokratischen Abläufen verbunden ist. Vielen Angehörigen ist beispielsweise nicht bewusst, dass sie unter Umständen auch ohne eine Pflegebedürftigkeit anteilige Sachleistungen der Pflegekasse nutzen können. Hier sollte es eine qualitativ bessere Begleitung und Entlastung geben.

Was sind Ihrer Erfahrung nach weitere Herausforderungen, vor denen Angehörige stehen, wenn ein Familienmitglied von Demenz betroffen ist?

Jutta Burgholte-Niemitz: Neben dem Schock, den Ängsten und der Verunsicherung, was eine entsprechende Diagnose für den künftigen Alltagsablauf bedeutet, ist es auch der genannte Zeit- und Kraftaufwand. Eine zusätzliche Herausforderung ist das Akzeptieren einer einschneidenden Veränderung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und die je nach Phase keine Planung und Kontrolle mehr zulässt. Das erfordert eine Menge Flexibilität, Geduld und Klarheit.

Welchen Tipp können Sie Angehörigen beim Umgang mit Demenzpatienten geben, beispielsweise um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen?

Jutta Burgholte-Niemitz: Hilfreich sind alle Aktivitäten, die anregen und dem Betroffenen so viel Eigenständigkeit lassen wie möglich. Körperliche Bewegung und soziale Kontakte erweisen sich ebenfalls als sehr stabilisierende Faktoren.

Oftmals fühlen sich Angehörige überfordert und auf sich alleine gestellt. Welche bundesweiten Anlaufstellen und Unterstützungsmöglichkeiten gibt es für sie?

Jutta Burgholte-Niemitz: Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft ist eine bundesweit agierende Anlaufstelle, die parallel dazu regionale Ableger aufweist. Hier gibt es Unterstützungsmöglichkeiten in Form von Informationsbroschüren und ähnlichem.

Darüber hinaus können sich Angehörige und Betroffene an regionale oder lokale Anlaufstellen wie kommunale Pflegestützpunkte oder Beratungsstellen wenden, um weitere Hilfsmöglichkeiten wie Betreuungsangebote, Seminare für Angehörige zu erfragen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Burgholte-Niemitz.