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„Telemedizin leistet sinnvollen Beitrag für Versorgung im ländlichen Raum“

06.11.2018 | Autor: Annabell Meyer

Kilometerweite Fahrten zum Arzt und stundenlanges Sitzen im Wartezimmer gehören dank der Videosprechstunde für viele Menschen der Vergangenheit an. So nutzen immer mehr Verbraucher die Behandlung über den Computer. Von diesem Konzept profitieren dabei nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte. Denn beide Seiten sparen durch das digitale Arztgespräch unter anderem Zeit, betont Dr. Felix Schirmann vom Online-Sprechstunden-Portal Patientus.

Darüber hinaus ist die Telemedizin vor allem im ländlichen Raum ein wichtiger Baustein für eine umfassende medizinische Versorgung, so Schirmann. Im Interview erklärt er, bei welchen Behandlungen die Videosprechstunde besonders gefragt ist und welchen Einfluss das steigende Interesse auf das Arzt-Patienten-Verhältnis hat.

Dr. Felix Schirmann

von Patientus

Noch vor wenigen Jahren waren Videosprechstunden eine Seltenheit. Wie hat sich das Konzept der Telemedizin seither entwickelt?

Dr. Felix Schirmann: Die Telemedizin kommt zwar schrittweise, aber sie kommt. Seit April 2017 ist beispielsweise die Vergütung von Videosprechstunden über die Krankenkasse abrechenbar. Zudem wurde im Mai 2018 auf dem Ärztetag in Erfurt beschlossen, Fernbehandlungen umfassend zu ermöglichen. Auf regionaler Ebene haben bereits zehn Landesärztekammern diese in ihre Berufsordnung übernommen. Hier steht der Videosprechstunde rechtlich nichts mehr im Weg.

Darüber hinaus wird das neue Pflegepersonal-Stärkungsgesetz Videosprechstunden ab 2019 auch für Psychotherapeuten und Pflegekräfte möglich machen.

Es bleibt allerdings festzuhalten, dass Deutschland im internationalen Vergleich in puncto Telemedizin nach wie vor schlecht wegkommt. In Schweden und Frankreich sind zum Beispiel Videosprechstunden dem Vor-Ort-Arztbesuch formal gleichgestellt.

Wie funktioniert der Service von Patientus?

Dr. Felix Schirmann: Grundsätzlich ist das Prinzip der Videosprechstunde sehr einfach in der Anwendung: Jeder soll online zum Arzt gehen können. Der Patient sucht online nach dem gewünschten Arzt und fragt über unsere Plattform einen Termin bei ihm an. Nimmt der Arzt die Terminanfrage an, wird automatisch eine TAN für den Zugang generiert und per E-Mail an den Patienten gesendet.

Zum Terminzeitpunkt loggen sich Arzt und Patient auf unserer Website ein. Beide gelangen dann in den digitalen Warteraum, von dem aus der Arzt die Videosprechstunde startet. Das vertrauliche Online-Arztgespräch beginnt und es kann unter anderem medizinisches Bildmaterial, wie ein Röntgenbild, gemeinsam betrachtet werden.

Wie viele Nutzer haben Sie bereits und welche Voraussetzungen müssen Patienten, aber auch Ärzte mitbringen, um Patientus zu nutzen?

Dr. Felix Schirmann: Unsere Nutzerzahlen und die Anzahl der durchgeführten Videosprechstunden steigen stetig. Derzeit nutzen viele Hundert Ärzte aller Fachrichtungen im ambulanten und stationären Bereich sowie eine deutlich steigende Anzahl von Vertretern weiterer Heilberufe die Videosprechstunde von Patientus.

Die technischen Voraussetzungen sind dabei für Ärzte und Patienten gleich: Benötigt wird nur ein Laptop oder Computer mit Internetzugang und einer Webcam. Die Installation einer Software ist nicht notwendig. Bei Bedarf können Patienten die Videosprechstunde über unsere App auch auf ihrem Handy oder Tablet nutzen.

Für welche Behandlungen und Krankheitsbilder wird der Service aktuell am meisten in Anspruch genommen?

Dr. Felix Schirmann: Eine definitive Antwort kann ich hierauf nicht geben, da wir es schlichtweg nicht wissen und nicht wissen wollen – aus Datenschutzgründen. Wir haben keinerlei Zugang zu den Gesprächen. Basierend auf den Aussagen unserer Kunden zeigt sich jedoch, dass sich die Videosprechstunde sehr gut eignet für

  • Kontrolltermine,
  • Rückfragen zu einer bestehenden Diagnose,
  • Befundbesprechungen oder

Aber auch der Erstkontakt zu Ärzten wird immer populärer. Daneben besteht ein großes Anwendungspotential in der Psychotherapie, da hier keine körperliche Untersuchung notwendig ist.

Kritiker mahnen, die Vertrauensbasis im Arzt-Patienten-Verhältnis würde durch die Videosprechstunde auf ein Minimum reduziert. Welche Gefahren sehen Sie im Hinblick auf die Telemedizin?

Dr. Felix Schirmann: Durch die Videosprechstunde ist der Kontakt zwischen Arzt und Patient durch Sehen, Hören, Besprechen und Beraten genauso gegeben wie vor Ort in der Praxis. Videosprechstunden sind somit auch „persönliche Arztbesuche“. Das vertrauliche Arztgespräch findet nur über ein anderes Medium statt, welches insbesondere für die jüngere Generation selbstverständlich ist.

Außerdem bedeutet die Videosprechstunde nicht, dass der Patient in Zukunft ausschließlich über den Bildschirm behandelt wird, sie dient zur sinnvollen Ergänzung und nicht zur Ersetzung. Ein deutscher Arzt hat im Schnitt acht Minuten Zeit pro Patient. Vielleicht führt die Zeitersparnis in den Praxen durch die Videosprechstunde sogar dazu, dass die Ärzte wieder mehr mit ihren Patienten reden.

Darüber hinaus kann der Status Quo generell problemlos wiederhergestellt werden: Wenn ein Arzt eine körperliche Untersuchung für notwendig hält, kann er den Patienten ganz einfach in die Praxis bestellen. Die Angst vor einer Verschlechterung der Versorgung durch die Telemedizin ist somit völlig unbegründet.

Wie wird sich die Telemedizin in den nächsten Jahren entwickeln? Können beispielsweise Videosprechstunden persönliche Arztbesuche langfristig sogar ersetzen?

Dr. Felix Schirmann: Grundsätzlich gilt: Jeder Arztbesuch ist wichtig, aber nicht jeder Gang in die Praxis ist erforderlich. Die Telemedizin wird in den kommenden Jahren alle Bereiche des Gesundheitswesens grundlegend transformieren. Dies haben inzwischen auch wichtige Akteure im Gesundheitswesen verstanden. So legt die Telemedizin die Messlatte für die Versorgung höher und lässt diejenigen, die sie nicht rechtzeitig annehmen, im Wettlauf um die Patienten zurück.

Ein gutes Beispiel ist die Schweiz, wo seit Jahrzehnten Telemedizin auf hohem Niveau praktiziert wird. Hier gibt es funktionierende Versorgungspfade, die Patienten nach der digitalen Versorgung zu Ärzten vor Ort leiten, wenn eine körperliche Untersuchung notwendig ist. Solche Mischformen von digitaler und analoger Versorgung werden zum Standard werden.

Zudem leistet die Telemedizin einen sinnvollen Beitrag in der Versorgung in sogenannten unterversorgten Regionen, beispielsweise im ländlichen Raum.

Vielen Dank für das Interview, Herr Dr. Schirmann.