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Telemedizin: „Online-Behandlungen nehmen eine wichtige Hemmschwelle“

19.03.2018 | Autor: Annabell Meyer

Seit knapp einem Jahr über­nehmen die gesetz­lichen Kranken­kassen die Kosten dafür, wenn sich Patienten per Video­sprech­stunde behandeln lassen. Allerdings gelten dafür bisher noch Ein­schränk­ungen. So muss der Patient vorab mindestens einmal persönlich beim Arzt gewesen sein. Dies könnte sich nun bald ändern: Die Bundes­ärztekammer strebt eine Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots an. Für erkrankte Menschen würde dies viele Vorteile bringen, erklärt David Meinertz, Mitgründer der Online-Arztpraxis DrEd.

Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Großbritannien und kann dank der EU-Richtlinie zur Patientenmobilität seit Jahren deutsche Patienten per Internet behandeln – auch ohne diese vorher persönlich zu Gesicht zu bekommen. Sollte dies auch bald in Deutschland möglich sein, könnte das ein wichtiger Schritt sein, den Ärztemangel in unterversorgten Regionen zu bekämpfen, so Meinertz. Im Interview erklärt er, wie sich der Arzt-Patienten-Kontakt durch die Digitalisierung verändern wird und wo die Grenzen der Fernbehandlung liegen.

David Meinertz

CEO und Co-Founder der Online-Arztpraxis Dr.Ed

Nachdem der Telemedizin in Deutschland lange Zeit enge Grenzen gesteckt wurden, könnte das Fernbehandlungsverbot bald gelockert werden. Welchen Effekt erhoffen Sie sich davon für Patienten?

David Meinertz: Ich bin mir sicher, dass die Lockerung des Fernbehandlungsverbots einen positiven Effekt haben wird. Die Behandlung aus der Ferne bietet viele Vorteile. Besonders in ländlichen, unterversorgten Regionen ist die Telemedizin ein sinnvoller Ansatz, um den Ärztemangel auszugleichen und Versorgungslücken zu schließen.

Nach Angaben von TMS Health Solutions und Statista warten deutsche Kassenpatienten im Durchschnitt 17 Tage auf einen Arzttermin und 27 Minuten im Wartezimmer – und es ist absehbar, dass sich diese Situation ohne eine Reform des Gesundheitswesens in den kommenden Jahren weiter verschärft.

Bei DrEd kann der Arzt dagegen ohne Wartezeit sofort konsultiert werden. Das bedeutet nicht nur für Menschen, die in ärztlich unterversorgten Regionen leben oder die immobil sind, vor allem eins: Zeitersparnis und Lebensqualität.

Wo sehen Sie Grenzen bei der Telemedizin?

David Meinertz: Nicht jede Krankheit kann aus der Ferne behandelt werden. Telemedizin ist also kein Ersatz, sondern eine Ergänzung zum Arzt vor Ort. So behandelt DrEd beispielsweise keine Erkrankungen, bei denen eine körperliche Untersuchung vor Ort notwendig ist.

Bei hohem Blutdruck, der Antibabypille und bei Asthma – um einige Beispiele zu nennen – verschreiben unsere Ärzte ausschließlich Folgerezepte, sie setzen also die Behandlung von Patienten fort, die von einem Arzt vor Ort gut eingestellt worden sind. Bei Heuschnupfen, Akne oder erektiler Dysfunktion dagegen kann eine Behandlung nicht nur fortgesetzt, sondern auch begonnen werden.

Aktuell behandeln wir rund 30 Krankheiten und Beschwerden in Deutschland, europaweit sind es bereits über 50. Die fortschreitende Digitalisierung und der technische Fortschritt werden in den kommenden Jahren weitere Behandlungsfelder für die Telemedizin erschließen.

Während sich die Telemedizin in anderen Ländern wie der Schweiz und Großbritannien bei vielen Patienten bereits etabliert hat, ist sie in Deutschland für viele Menschen noch recht neu. Wie reagieren Patienten Ihrer Erfahrung nach auf die Option, Telemedizin zu nutzen?

David Meinertz: Die stetig wachsende Zahl unserer Patienten zeigt uns, dass Deutschland schon lange bereit ist für die Telemedizin. DrEd hat seit 2011 europaweit bereits knapp zwei Millionen Beratungen und Behandlungen aus der Ferne durchgeführt – hunderttausende davon für Patienten in Deutschland.

Viele Menschen wissen den diskreten, unkomplizierten sowie zeit- und ortsunabhängigen Service schon heute zu schätzen. Die Zahl der Patienten, die mehr als einmal bei uns Rat suchen, bestätigen uns außerdem nicht nur, dass wir gute Arbeit leisten, sondern auch, dass die Menschen zunehmend Vertrauen in telemedizinische Leistungen fassen.

Einigen Menschen dürfte es womöglich schwerfallen, sich mit ihren Beschwerden an einen völlig fremden Arzt über Video zu wenden. Wie lässt sich bei der Fernbehandlung eine Vertrauensbasis herstellen?

David Meinertz: Es gibt Beschwerden, bei denen ist es Patienten manchmal unangenehm, darüber zu sprechen, wie bei Herpes oder Warzen. Viele Menschen gehen dann mit ihrem – aus ihrer Sicht – peinlichen Problem nicht zum Arzt. Aber auch bei anderen Beschwerden befürchten Patienten verurteilt zu werden. Das war für uns ein Grund, DrEd zu gründen. Wir wollten ein medizinisches Angebot schaffen, das den Menschen den Arztbesuch erleichtert und Zeit spart, aber auch diskret ist.

Viele Patienten zeigen sich unseren Ärzten gegenüber offener, als bei einem Hausarzt vor Ort, der vielleicht auch noch die ganze Familie behandelt. Die Online-Behandlung nimmt hier eine wichtige Hemmschwelle. Außerdem können wir bei einer Erstbehandlung Patienten häufig in das reguläre Gesundheitssystem einschleusen, die sonst nie zum Arzt gegangen werden.

Kritiker befürchten, dass durch Fernbehandlungen der Arzt-Patienten-Kontakt auf ein Minimum reduziert wird. Welche Gefahren könnte dies mit sich bringen?

David Meinertz: Es gibt Fälle, in denen ist der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt notwendig und sinnvoll. Der Patient hat zudem die Entscheidungsfreiheit, welchen Weg zum Arzt er wählt: online oder offline.

Bei DrEd nehmen die Ärzte in der Regel schriftlich mit dem Patienten Kontakt auf, sollten sie weitere Informationen für eine Behandlung benötigen. Die Kommunikation erfolgt vertraulich in einem Patienten-Konto. Das ist vielleicht eine andere Form der Kommunikation als bisher üblich. Allerdings schafft sie mehr Transparenz, da sie vom Patienten jederzeit eingesehen werden kann. Die Digitalisierung des Gesundheitssektors wird den Arzt-Patienten-Kontakt vielleicht verändern, jedoch nicht zwingend reduzieren.

Der Hauptsitz Ihres Unternehmens befindet sich in Großbritannien. Welchen Einfluss könnte der bevorstehende Brexit für Ihre deutschen Kunden haben?

David Meinertz: Im Moment können wir über die Folgen des Brexits auch nur spekulieren. Doch egal, wie es ausgeht, sowohl uns als auch die Telemedizin an sich wird es in Deutschland auf jeden Fall weiter geben. Wir bereiten uns derzeit auf alle Eventualitäten vor. Oberstes Ziel ist es dabei natürlich, dass wir unsere deutschen Patienten weiter ohne Einschränkungen behandeln können.

Großbritannien hat ein Interesse daran, auch nach dem Austritt weiter Zugang zum europäischen Markt zu halten. Passiert das, wird sich für uns und unsere Patienten nichts ändern. Schottet sich aber das Land ab, müssten wir umdisponieren und wahrscheinlich in ein anderes europäisches Land umziehen. Dass das Fernbehandlungsverbot in Deutschland bald fallen könnte, macht Deutschland als möglichen Standort natürlich sehr attraktiv.

Vielen Dank für das Interview, Herr Meinertz.