Krebsnachsorge: Familienorientierte Rehabilitation bringt den Alltag zurück

02.02.2018 | Autor: Annabell Meyer

Thomas Müller (Bildquelle: Nachsorgeklinik Tannheim)

Thomas Müller (Bildquelle: Nachsorgeklinik Tannheim)

Wenn das eigene Kind an Krebs oder einer anderen schweren Krankheit leidet, steht die Heilung an erster Stelle. Während der Behandlung bleibt das alltägliche Familienleben daher meist auf der Strecke. Damit eine vollständige Genesung gelingt und Eltern mit ihren Kindern wieder in ihr normales Leben zurückkehren können, brauchen sie nach der Behandlung vor allem eins: gemeinsame Zeit.

Die Nachsorgeklinik Tannheim verfolgt als eine von bundesweit fünf Einrichtungen den Ansatz der sogenannten familienorientierten Rehabilitation (FOR). Dabei kommen sowohl die erkrankten Kinder als auch deren Eltern und Geschwister gemeinsam zur Reha, um dort wieder in den Alltag zu finden. Warum dies wichtig ist und worauf es dabei ankommt, erklärt Thomas Müller, einer der Geschäftsführer der Nachsorgeklinik Tannheim, im Interview.

Die Behandlung in Ihrer Klinik setzt an, wenn die eigentliche Akutbehandlung bereits abgeschlossen ist. Welchen Stellenwert hat eine umfassende Nachsorge und worauf zielt sie besonders ab?

Thomas Müller: Grundsätzlich zielen wir mit unserem Konzept der familienorientierten Rehabilitation darauf ab, die Familie insgesamt zu stabilisieren. Durch die Erkrankung des Kindes war es ihnen oftmals nicht möglich, ihr normales Leben weiterzuführen. In unserer Klinik kommt daher die gesamte Familie zur Rehabilitation. Die Eltern und Geschwister der erkrankten Kinder sind dabei keine Begleitpersonen, sondern Mitbehandelte, sogenannte Sekundärpatienten.

Jedes Familienmitglied bekommt während des vierwöchigen Aufenthalts eine eigene Therapie. Das bedeutet, dass man beispielsweise versucht, Geschwisterkindern wieder eine Wertigkeit in der Familie zu geben. Sie müssen oftmals während der Akutbehandlung zurückstecken, weil sich die gesamte Aufmerksamkeit der Familie und Ärzte auf ihr erkranktes Geschwisterkind konzentriert.

Besonders wichtig ist auch der Austausch mit anderen Familien, durch den die Betroffenen lernen, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind. Erfahrungen wie diese tragen einen Großteil dazu bei, der Familie ein Gefühl von Stabilität zu geben.

Welche Unterstützung bekommen insbesondere krebskranke Kinder und deren Geschwister während der Nachsorge?

Thomas Müller: Um unseren FOR-Ansatz bestmöglich realisieren zu können, ist für Kinder insbesondere die Schule ein wichtiger Baustein in unserem Therapieangebot. Denn kein Elternteil würde das Geschwisterkind für vier Wochen aus der Heimatschule nehmen, um in eine Reha-Klinik zu gehen.

Das heißt, wir halten bei uns vom Gymnasiallehrer über Haupt- und Realschullehrer sowie Sonderschullehrer alle Schulformen und Lehrertypen vor. So können wir den Stoff an der Heimatschule abholen und bei uns in komprimierter Form für die Hauptfächer unterrichten, um das Niveau des Schülers zu halten und den Wiedereinstieg in die normale Schule zu erleichtern. Auch für Patientenkinder ist dies wichtig, um sie wieder an den Schulalltag heranzuführen oder auch die passende Schulform für sie zu finden.

Wird die Betreuung der Angehörigen von den Krankenversicherungen übernommen?

Thomas Müller: Wir haben mit den gesetzlichen Kostenträgern für unseren FOR-Ansatz spezielle Pflegesätze für das Patientenkind und die mitbehandelten Familienmitglieder ausgehandelt. Tendenziell kann bei Privatpatienten natürlich etwas mehr Leistung abgerechnet werden, wohingegen Kassenpatienten ähnlich wie im Krankenhaus für jeden Behandlungstag zehn Euro Zuzahlung leisten müssen. Im Regelfall besteht jedoch beim Leistungsangebot eine Gleichbehandlung zwischen privat und gesetzlich Versicherten.

Um diese Leistungen von den Kostenträgern zu bekommen, war es wichtig, zu verdeutlichen, dass es sich bei den Angehörigen nicht um klassische Begleitpersonen, sondern um Sekundärpatienten mit eigenem Reha-Ziel handelt.

Was passiert, wenn Familien ihr erkranktes Kind verloren haben?

Thomas Müller: Ein bundesweit einmaliges Angebot ist bei uns die Rehabilitation für verwaiste Familien. Das heißt, es kommen Familien zu uns, nachdem ihr erkranktes Kind verstorben ist. In diesem Fall geht es vor allem um Trauerverarbeitung. Die deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg finanziert dieses Reha-Angebot mit einem speziellen Pflegesatz.

Wer berät Familien mit erkrankten Kindern über die verschiedenen Nachsorgeoptionen?

Thomas Müller: In der Regel berät der psychosoziale Dienst in der Akutklinik Familien über ihre Möglichkeiten für eine gemeinsame Rehabilitation. Die entsprechenden Mitarbeiter haben im Blick, ob Familien nach der Akutbehandlung eine Nachsorge benötigen. Vereinzelt stellen auch Hausärzte den Reha-Antrag, dies ist aber eher die Ausnahme.

Gibt es Ihrer Meinung nach genügend Anlaufstellen, um den Nachsorgebedarf zu decken?

Thomas Müller: Bisher sind die fünf bestehenden Kliniken meiner Meinung nach gut ausgelastet, sodass nur vereinzelt Wartezeiten entstehen. In der Nachsorgeklinik Berlin-Brandenburg ist derzeit ein Ausbau geplant, wodurch voraussichtlich ab 2020 mehr Betten zur Verfügung stehen. Dennoch dürfte es in meinen Augen ruhig noch einige weitere Therapieangebote und -plätze geben.

Vielen Dank für das Interview, Herr Müller.