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„Gesunde Mehrwertsteuer“ soll Kampf gegen Übergewicht vorantreiben

16.07.2018 | Autor: Annabell Meyer

Bundes­weit ist fast die Hälfte der Bürger­innen und Bürger über­gewichtig. Knapp ein Viertel der Deutschen leidet sogar an starkem Über­gewicht, wie Zahlen der Deutschen Diabetes Gesell­schaft (DDG) zeigen. Einer der Gründe dafür ist eine ungesunde Ernährung, bei der Zucker eine ent­schei­dende Rolle einnimmt. Laut der DDG isst jeder Mensch hierzulande etwa 31 Kilo Zucker pro Jahr. Das sind 85 Gramm pro Tag. Als Richtwert gelten jedoch maximal 25 Gramm täglich.

Viele Lebensmittel enthalten dabei versteckten Zucker, von dem Verbraucher oft nichts ahnen. Damit sich dies ändert, fordert die DDG eine „Gesunde Mehrwertsteuer“. Diese soll einen gesunden Lebensstil preiswerter und einfacher machen und bei den Herstellen für ein Umdenken sorgen, erklärt Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft, im Interview.

Barbara Bitzer

von der DDG

In Großbritannien greift seit dem Frühjahr 2018 eine sogenannte Zuckersteuer. Auch Sie befürworten eine Anpassung der Mehrwertsteuer für bestimmte Lebensmittel. Wie genau soll dies aussehen?

Barbara Bitzer: Wir wünschen uns eine gesundheitsfördernde Preisbildung, die „Gesunde Mehrwertsteuer“. Dabei geht es nicht nur um den Rohstoff Zucker, sondern um die Energiedichte, also den Gesamtkaloriengehalt berechnet auf 100 Gramm.

Bei der „Gesunden Mehrwertsteuer“ sollen gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse mit null Prozent besteuert werden, normale Lebensmittel wie Nudeln, Milch oder Fleisch mit sieben Prozent und Produkte mit viel zugesetztem Zucker, Salz oder Fett wie Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten mit 19 Prozent. Zusätzlich sollte der Steuersatz für die besonders gesundheitsschädlichen Softdrinks wie Cola oder Fanta von 19 auf 29 Prozent erhöht werden. Denn Softdrinks spielen eine ganz entscheidende Rolle bei der Entstehung von Adipositas.

Wir wollen es damit nicht nur für Verbraucher einfacher machen, gesund und preisbewusst einzukaufen. Auch die Hersteller sollen dazu bewegt werden, ihre Rezepturen zu ändern, also weniger Fett, Zucker und Salz in ihren Produkten zu verarbeiten.

Die Universität Hamburg hat das Modell der „Gesunden Mehrwertsteuer“ untersucht und herausgefunden, dass wir es so schaffen könnten, den bisher ungebremsten Zuwachs an Übergewicht und Adipositas zu stoppen. Das wäre ein Durchbruch, der bisher mit keiner anderen Präventionsmaßnahme gelungen ist.

Was sind die größten Risiken, die mit einem zu hohen Zuckerkonsum verbunden sind?

Barbara Bitzer: Ein Hoher Zuckerkonsum hat einen indirekten Einfluss auf die Entstehung von Diabetes, aber auch von Herz-Kreislauferkrankungen und bestimmten Krebserkrankungen. Wer viele gezuckerte Lebensmittel verzehrt, läuft Gefahr, zu viele Kalorien zu sich zu nehmen und übergewichtig zu werden. Das wiederum erhöht das Risiko, beispielsweise an Diabetes Typ 2 zu erkranken. Auch Diäten, die Zucker durch Süßstoffe ersetzen, scheitern regelmäßig. Daher sind wir nicht dafür, den Zucker einfach durch Süßstoffe auszutauschen, sondern generell die zugesetzte Menge – den „Süßegrad“ – zu reduzieren.

Anstelle einer Zuckersteuer will die Große Koalition ein Konzept zur „Nationalen Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten“ erarbeiten. Wie beurteilen Sie dieses Vorhaben?

Barbara Bitzer: Grundsätzlich ist es begrüßenswert, dass die Politik die Dringlichkeit des Problems eines zu hohen Anteils an Zucker, Fett und Salz in industriell hergestellten Lebensmitteln erkannt hat. Allerdings macht eine derartige Strategie nur Sinn, wenn Sie für alle Hersteller verbindlich sowie mit klaren Reduktionszielen und Sanktionsmaßnahmen bei Nichteinhaltung ausgestattet ist. Dies müsste einhergehen mit einer transparenten Lebensmittelkennzeichnung, wie einer Ampel. Wir befürchten allerdings, dass die Ernährungsministerin, Frau Klöckner (CDU), wieder auf freiwillige Regulierungen setzt, die gemeinsam mit der Industrie vereinbart werden. Daher sind wir skeptisch, dass wir auf diesem Wege eine gesündere Ernährung der Bevölkerung erreichen können.

Bisher sind alle freiwilligen Selbstverpflichtungen der Industrie gescheitert. Eine „Zuckersteuer“ wird vom Ernährungsministerium, welches auch die Interessen der Lebensmittelindustrie vertritt, abgelehnt. Die Lobby der Lebensmittelindustrie ist sehr stark und leider ist der gesundheitliche Verbraucherschutz im Ernährungsministerium verortet. In anderen Ministerien und auch beim Koalitionspartner beobachten wir allerdings wachsende Zustimmung zu einer „Zuckersteuer“.

Welche Maßnahmen wünschen Sie sich von der Politik, um künftig stärker gegen die hohe Zahl an Diabetes-Erkrankungen vorzugehen?

Barbara Bitzer: Die DDG fordert gemeinsam mit der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten seit Jahren vier zentrale Maßnahmen, die darauf abzielen, unsere Lebensverhältnisse gesünder zu gestalten:

  • Täglich mindestens eine Stunde Bewegung in Kita und Schule
  • Adipositas fördernde Lebensmittel besteuern und gesunde Lebensmittel entlasten („Gesunde Mehrwertsteuer“)
  • Verbindliche Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung
  • Verbot von an Kinder gerichteter Werbung für ungesunde Lebensmittel und Getränke

Diesen Ansatz der „Verhältnisprävention“ verfolgt die Weltgesundheitsorganisation seit Jahren, nur in Deutschland wird er bisher noch nicht ernstgenommen.

Welche Unterstützung bekommen Menschen, die selbst etwas für einen gesünderen Lebensstil tun möchten, beispielsweise von der Krankenversicherung?

Barbara Bitzer: Die Krankenversicherungen bieten ihren Versicherten zahlreiche lobenswerte Präventionsprojekte an. Allerdings werden mit diesen Initiativen vor allem diejenigen erreicht, die ohnehin gesundheitsbewusst leben. Studien haben gezeigt, dass besonders bildungsferne und sozial schwache Schichten von Adipositas und auch von Diabetes betroffen sind. Diese Menschen erreichen wir nur mit bevölkerungsweiten Maßnahmen wie einer „Gesunden Mehrwertsteuer“.

Vielen Dank für das Interview, Frau Bitzer.