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Förderung selbstbestimmten Lebens als Meilenstein der Pflegepolitik

07.05.2019 | Autor: Annabell Meyer

Trotz zahlreicher Neuerungen ist die Situation in der Pflege sowohl für viele Pflegebedürftige als auch für Pflegende weiterhin verheerend. Ersteren mangelt es unter anderem an finanzieller Unterstützung. Letztere arbeiten dagegen aufgrund des Fachkräftemangels meist jenseits der Belastungsgrenze, betont Petra Krebs, gesundheitspolitische Sprecherin der regierenden Grünen-Landtagsfraktion Baden-Württemberg. Im Interview erklärt sie, welche Maßnahmen das Bundesland zur Verbesserung ergreift und welche weiteren Stellschrauben es auch auf Bundesebene für eine bessere Pflege gibt.

Gesundheitspolitische Sprecherin der regierenden Grünen-Landtagsfraktion Baden-Württemberg

Petra Krebs

Bildquelle: Gruene - Baden-Württemberg

Frau Krebs, Sie setzen sich für eine gute Qualität in der Pflege ein. Wie ist Baden-Württemberg hier aktuell aufgestellt?

Petra Krebs: In Baden-Württemberg arbeiten wir intensiv an einem Paradigmenwechsel bei der Pflegestruktur: hin zu einer bedarfsgerechten und wohnortnah gestalteten Pflege. Wir haben zahlreiche bundesweit beachtete Initiativen angestoßen und nehmen eine Vorreiterrolle bei der Gestaltung einer zukunftsfähigen Pflege für Pflegebedürftige, Pflegefachkräfte und pflegende Angehörige ein.

Besonders erwähnenswert ist unser Ziel einer sektorenübergreifenden Versorgung. Diese soll die Angebote und Akteure eng miteinander vernetzen und flexible Versorgungsformen ermöglichen. Daran anknüpfend ist die Förderung eines selbstbestimmten Lebens pflegebedürftiger Menschen ein Meilenstein unserer Pflegepolitik. Wohnortnahe und unterstützende Wohnortsformen durch Kurzzeitpflegeplätze, ambulant betreute Wohngemeinschaften und quartierbezogene Angebotsstrukturen werden massiv ausgebaut. Diese Formen entlasten zudem auch pflegende Angehörige.

Auf Landesebene können wir des Weiteren einen wichtigen Beitrag gegen den Fachkräftemangel in der Pflege leisten, indem wir die Pflegeausbildung attraktiver gestalten. Mit dem Landesprogramm „Akademisierung der Gesundheitsberufe“ ist Baden-Württemberg Vorreiter bei der Akademisierung im Pflegebereich, schafft attraktive Entwicklungsperspektiven und sichert die Qualität in der Pflege.

Wie beurteilen Sie den Status quo in Deutschland, beispielsweise im Hinblick auf die Bedingungen für Pflegekräfte?

Petra Krebs: Der Pflegefachkräftemangel ist real. Das geht aber nicht nur auf Kosten der Pflegebedürftigen, sondern auch auf Kosten der Pflegefachkräfte, die häufig unter einem enormen Leistungspensum die Lücke schließen. Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz von Minister Spahn ist da leider nur ein halbherziger Versuch, dem abzuhelfen und greift das Problem nicht bei der Wurzel. Ganz im Gegenteil: Unter der ausschließlichen Förderung von Krankenhauspflegestellen und Stellen in stationären Pflegeeinrichtungen wird der ambulante Pflegesektor und damit ambulant betreute Menschen leiden, da mit einer Abwanderung des Pflegepersonals in andere Pflegesektoren zu rechnen ist.

Eine qualitativ gute Pflege braucht ausreichend Personal und zwar sektorenübergreifend. Eine gute und flächendeckende tarifliche Vergütung, die die gesellschaftliche Relevanz dieses Berufsstandes wiedergibt, wäre ein Anfang, dem Mangel entgegenzuwirken.

  • Verstärktes Mitspracherecht,
  • Weiterbildungsmöglichkeiten,
  • Aufstiegschancen und konsequente Personalbemessungsschlüssel

müssen geschaffen werden, um den Beruf attraktiver zu gestalten. Für diese Anliegen schaffen wir zurzeit in Baden-Württemberg eine Grundlage, indem wir eine Pflegekammer gründen und der Pflege somit mehr Gewicht im Gesundheitswesen verleihen.

Für Verbraucher kosten die Verbesserungen in der Pflege viel Geld. Wie könnte man hier gegensteuern?

Petra Krebs: Es ist leider so, dass die Inanspruchnahme von Pflege für viele Pflegebedürftige ein Armutsrisiko darstellt. Ein erster wichtiger Schritt zu einem gerechten und solidarischen Gesundheitswesen, das die Gesundheit des Menschen konkret in den Mittelpunkt stellt, wäre eine Bürgerversicherung. Eine Überwindung der beiden unterschiedlichen Honorarsysteme der gesetzlichen und privaten Versicherung würde eine ungleiche medizinische Behandlung stoppen und wäre auch finanziell gerecht.

Bei der Pflege gibt es zudem das konkrete Problem, dass bei der Finanzierung der Pflegeleistungen nur der Anteil der Kassen gedeckelt wird. Alle darüber hinaus gehenden Kosten müssen von den Pflegeempfängerinnen und Pflegeempfängern getragen werden. Diese stellen häufig eine beträchtliche Summe dar. In Baden-Württemberg beträgt der durchschnittliche Eigenanteil knapp 2.100 Euro pro Monat. Diese horrende Summe können sich viele Menschen nicht leisten. Ein solidarisches Finanzierungsmodell wäre ein sogenannter „Sockel-Spitze-Tausch“, bei dem der Eigenanteil gedeckelt wird und die darüber hinausschießenden Kosten von der Pflegeversicherung übernommen werden.

Welches sind für Sie die drei wichtigsten Stellschrauben, um die Qualität in der Pflege deutschlandweit langfristig zu verbessern?

Petra Krebs: Es gibt noch einige Stellschrauben, an denen wir weiterdrehen müssen. Das erstreckt sich

  • von einer gerechten Pflegefinanzierung
  • über entlastende Arbeitsbedingungen für Pflegefachkräfte,
  • einen weiteren qualitativen Ausbau der Ausbildung
  • bis hin zur Etablierung von hilfestellenden Strukturen für pflegende Angehörige.

Für die Umsetzung sehe ich konkrete Potenziale in der Digitalisierung und der erwähnten sektorenübergreifenden Versorgung.

Entlastung durch eine vereinfachte Bürokratie und Dokumentation sowie eine bessere Erreichbarkeit durch das Monitoring sind einige vielversprechende Maßnahmen, die man durch eine Digitalisierung des Gesundheitswesens erreichen kann.

Durch eine neue und sektorenübergreifende Ausrichtung des Gesundheits- und Pflegewesens lassen sich Ressourcen besser einsetzen und unnötige Doppelstrukturen vermeiden. Der Zugang zu guten Pflegeleistungen wäre niederschwelliger angelegt und somit leichter erreichbar. Eine solche Versorgung muss nun flächendeckend gedacht werden.

Vielen Dank für das Interview, Frau Krebs.