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Arznei­mittel­initiative will Behandlungs­qualität bundes­weit verbessern

27.09.2018 | Autor: Annabell Meyer

Ein bundes­­einheit­­licher Medi­kations­­plan (BMP) soll Pa­tien­ten einen Über­­blick da­rüber geben, welche Medi­­ka­ment sie nehmen. Denn viele Tausend Men­schen schlucken täglich mehr als drei ver­schiedene Arz­neien. Mit der Übersicht sollen schlimme Wechsel­wirkungen vermieden werden, die ein falscher Mix aus verschiedenen Wirkstoffen verursachen kann. Doch der Plan steht seit Längerem in der Kritik.

Daher haben der Sächsische und der Thüringer Apothekerverband, die Kassenärztlichen Vereinigungen in Sachsen und Thüringen und die AOK PLUS vor fünf Jahren gemeinsam die Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen, kurz ARMIN, gestartet. Das Modellprojekt soll für Patienten eine echte Verbesserung bei der Medikamenteneinnahme bringen.

Bisher nutzen in Sachsen und Thüringen mehr als 4.000 Versicherte das Programm. Ziel der Initiative ist es, diese Zahl weiter zu steigern und so die Sicherheit im Umgang mit der individuellen Medikation erhöhen. Wie das funktioniert und welche Vorteile ARMIN gegenüber dem BMP hat, erklärt Katharina Bachmann-Bux von ARMIN im Interview.

Katharina Bachmann-Bux von ARMIN

Katharina Bachmann-Bux

von ARMIN

Sie setzen sich mit ARMIN dafür ein, die Arznei­mittel­versorgung und Medi­kation in Deutschland zu verbessern. Wie ist ARMIN aufgebaut?

Katharina Bachmann-Bux: ARMIN basiert auf drei Modulen, die seitdem stufenweise umgesetzt wurden. Das erste Modul, die Wirkstoffverordnung, folgt dem Prinzip, dass anstelle von herstellerspezifischen Präparaten ausschließlich Wirkstoffe verordnet werden. Dafür wurden insgesamt 171 Wirkstoffe beziehungsweise 17 Wirkstoffkombinationen ausgewählt, die hinsichtlich der Präparatesubstitution keine pharmakologischen Bedenken hervorrufen.

Mit Unterstützung des Medikationskataloges als zweites Modul wird die Auswahl des richtigen Wirkstoffs erleichtert. Das dritte Modul, wenn man so sagen will, das Herzstück von ARMIN ist das elektronische Medikationsmanagement. Hierbei wird die Gesamtmedikation einschließlich der Selbstmedikation überprüft.

Seit dem 1. Oktober 2016 haben gesetzlich Versicherte, die mehr als drei Arznei­mittel gleichzeitig und über einen längeren Zeitraum ein­nehmen, Anspruch auf einen bundes­einheitlichen Medikations­plan von ihrem Arzt. Wie hebt sich ARMIN hiervon ab?

Katharina Bachmann-Bux: ARMIN leistet einiges mehr als der bundeseinheitliche Medikationsplan. Letzterer muss erst ausgedruckt, vom Patienten mitgeführt und in der nächsten Arztpraxis beziehungsweise Apotheke per Barcodescanner in das Softwaresystem übernommen werden.

In ARMIN wird ein Server im sicheren Netz der Kassenärztlichen Vereinigungen genutzt, der mittlerweile auch über die Telematikinfrastruktur erreichbar ist. Über diesen tauschen sich Arzt und Apotheker über die aktuelle Medikation und eventuelle Probleme aus. Einen effektiven Beitrag zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit leistet jedoch insbesondere das Medikationsmanagement. Durch

  • das Erfassen aller haus- und fachärztlich verordneten Medikamente einschließlich Selbstmedikation,
  • eine arbeitsteilige Prüfung der Medikation auf Interaktionen, Anwendungsprobleme sowie Über-, Unter- oder Fehlversorgung und
  • eine regelhafte Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker

steigt die Bereitschaft zum Mitwirken der Patienten und sinkt die Gefahr unerwünschter arzneimittelbezogener Ereignisse.

Wir sind der festen Überzeugung, dass man auf Bundesebene auf dieser technischen Struktur aufsetzen und sich an den etablierten fachlichen Prozessen orientieren sollte. Die genutzte technische Infrastruktur wäre sofort in anderen Regionen nutzbar und erfüllt die aktuellen hohen Anforderungen an den Datenschutz. Um die Bedienfreundlichkeit in einzelnen Praxisverwaltungssystemen noch zu verbessern, sollten die betreffenden Softwareprodukte ein einheitliches Medikationsplanmodul erhalten.

ARMIN wurde kürzlich mit dem Deutschen Patienten­preis ausgezeichnet. Welche Erfolge konnte die Initiative seit ihrem Start vor fast fünf Jahren erzielen?

Katharina Bachmann-Bux: Die ARMIN-Projektpartner haben in diesen Jahren an einem Digitalisierungsmodell gearbeitet, das sich stark von vielen kommerziellen Angeboten im eHealth-Bereich unterscheidet, da es speziell auf den Patientennutzen zugeschnitten ist und bei der technischen Umsetzung bereits auf bestehenden Strukturen und Spezifikationen aufgesetzt hat. Für den Patienten wird die Arzneimitteltherapiesicherheit optimiert, was insbesondere multimorbiden Patienten zur Verbesserung der Therapietreue hilft.

Darüber hinaus erkennen wir auch den Mehrwert von ARMIN für unsere Leistungserbringer, also Ärzte und Apotheker: Durch die enge Verzahnung der jeweiligen Kompetenzen der beiden Berufsgruppen entstehen Synergieeffekte, die zu einem wirtschaftlicheren Arbeiten verbunden mit hoher qualitativer Umsetzung führen. So werden Doppelmedikationen oder zum Teil gefährliche Nebenwirkungen vermieden und damit die Behandlungsqualität gesteigert.

Vor welchen Heraus­forderungen stehen Sie mit der Initiative?

Katharina Bachmann-Bux: Um perspektivisch noch mehr Ärzte und Apotheker für ARMIN zu begeistern, benötigen wir die Unterstützung von Politik und Wirtschaft. Bislang tut sich die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH schwer, die in ARMIN gesammelten Erfahrungen in die Spezifikation des neuen elektronischen Medikationsplans (eMP) zu integrieren. Dieser eMP müsste in allen Praxis- und Apothekenverwaltungssystemen sowie in den Krankenhausinformationssystemen integriert werden.

Die in den Arzneimitteldatenbanken der Softwaresysteme genutzten Arzneimittelinformationen sollten zudem schnellstmöglich vereinheitlicht werden, um den Abgleich von Medikationsplänen über verschiedene Softwaresysteme hinweg effizienter zu gestalten. Die bereits genannten, teils vorhandenen anwenderunfreundlichen Softwarelösungen gilt es ebenfalls zu verbessern. Nicht zuletzt erfordert der mit der Digitalisierungsoffensive zunehmende Datentransfer einen flächendeckenden Ausbau des Breitband-Internets. Hier gibt es in einigen Regionen noch sehr viel Nachholbedarf.

Wie kann die Bundes­regierung künftig noch stärker dazu beitragen, dass sich die Qualität der Medikamenten­versorgung deutschland­weit verbessert?

Katharina Bachmann-Bux: Mit dem E-Health-Gesetz wurden neue Möglichkeiten der sektorenübergreifenden Versorgung von Patienten geschaffen. Die Arzneimittelinitiative ARMIN als Modellprojekt hat auch im Bundesgesundheitsministerium (BMG) für Aufmerksamkeit gesorgt. Wir würden uns wünschen, dass das BMG erkannt hat, welches Potential in ARMIN steckt und mit weitsichtigen gesetzgeberischen Maßnahmen dafür sorgt, dass deutschlandweit Patienten, Ärzte, Apotheker von unseren Erfahrungen der vergangenen Jahre profitieren können.

Vielen Dank für das Interview, Frau Bachmann-Bux.