Interview mit wir pflegen e.V.: Für Pflegewende fehlt politischer Mut

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion

Redakteurin

Pflegeversicherung: Für Pflegewende fehlt politischer Mut

Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen steht eine Reihe von gesetzlichen Leistungen zur Verfügung. Diese lassen sich jedoch alles andere als leicht überblicken. Oftmals werden die Leistungen aus Unwissenheit gar nicht beansprucht. Künftig sollen sie daher so gebündelt werden, dass es ein Pflegebudget für den Pflegebedürftigen und ein Entlastungsbudget für die pflegende Person gibt.

Der Bundesverband wir pflegen e.V., die Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation pflegender Angehöriger in Deutschland, begrüßt die aktuellen Entwicklungen. Denn mit ihnen gehen „mehr Selbstbestimmung für die eigene Pflegeversorgung und eine größere Flexibilität der Leistungen“ einher. Doch trotz dieser geplanten Verbesserungen krankt das Pflegesystem.

Wir haben bei Sebastian Fischer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei wir pflegen, nachgefragt, was die größten Schwachstellen sind, welche Feuerprobe auf die Parteien im kommenden Jahr zukommt und welche Folgen die Corona-Pandemie für pflegende Angehörige hat.

Seit einem halben Jahr grassiert das Coronavirus und stellt jeden vor Herausforderungen. Inwiefern sind pflegende Angehörige besonders belastet, etwa hinsichtlich des Wegfalls von Kurzzeit- und Verhinderungspflegeoptionen oder der Angst vor einer Ansteckung?

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Je intensiver die Pflegebedürftigkeit einer Person, desto größer sind die Anforderungen an die pflegenden Angehörigen. Mit steigender Pflegeverantwortung fällt die soziale Teilhabe und wächst die soziale und finanzielle Isolation.

Das Coronavirus hat diese Situation noch stark verschärft. Vor allem weil für viele die wenigen Dienste, die sie in Anspruch nehmen konnten, oft über Nacht wegfielen – zum Beispiel Freunde und Familie, ambulante Dienste, Tagespflegen, Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Seither melden pflegende Angehörige oft völlige Überlastung, sogar Berufsaufgabe bei Angestellten und Insolvenzen für die, die selbstständig gearbeitet haben.

Neu dazu kommt die Angst, denn das Risiko von Ansteckung ist gewachsen. Aus Vorsicht und zum Schutz der pflegebedürftigen Person zögern viele sogar, Pflegedienste ins Haus zu lassen. Denn mit diesen Diensten gehen auch viele Personen ein und aus.

Mit der App in.kontakt können pflegende Angehörige auch in Coronazeiten mit anderen Betroffenen verbunden bleiben. Die App gibt es seit rund einem halben Jahr. Wie stark wird sie genutzt?

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Die App in.kontakt ist ein Produkt des Modellprojekts Online Selbsthilfe Initiativen für pflegende Angehörige, gefördert vom BMG und der Techniker Krankenkasse in NRW. Pflegende Angehörige haben die Entwicklung partizipativ mitgestaltet, denn der Austausch mit Gleichbetroffenen und der Wunsch nach verlässlichen Informationen ist groß.

Mittlerweile sind 1.350 Menschen auf der App registriert. Der Bundesverband wir pflegen e.V. kann dank weiterer Projektförderung die App und die digitalen und realen Selbsthilfestrukturen für pflegende Angehörige weiter ausbauen.

Das Feedback der Nutzer*innen ist insgesamt positiv. Vom 28. bis 30. September stellen wir die Evaluationsergebnisse der Katholischen Hochschule in NRW auf einer digitalen Veranstaltung vor.

Inwiefern können Synergien aus der deutschlandweiten Vernetzung der Mitglieder geschaffen werden?

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Aus dem wachsenden Austausch zwischen pflegenden Angehörigen kristallisieren sich auch viele gemeinsam erlebte Probleme in deutliche Forderungen nach besseren Unterstützungsangeboten vor Ort, in den Kommunen, Ländern und an die Politik in Berlin.

wir pflegen hat diese Erfahrungen der Betroffenen zusammengetragen und bereits im März 2020 in einem Corona-Maßnahmenpapier formuliert und an die Politik getragen. Die Erfahrungen und Zitate der Betroffenen sind bewegende Zeugnisse, wie es wirklich um die Unterstützung der häuslichen Pflege bestellt ist.

Die Pflegeleistungen sollen in einem Pflegebudget und einem Entlastungsbudget gebündelt werden. Wie bewerten Sie die überarbeiteten Pläne des Pflegebevollmächtigten Andreas Westerfellhaus?

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Wir pflegen setzt sich seit Langem für die Umsetzung eines Entlastungsbudgets ein. Dem liegen wichtige Prinzipien zugrunde: mehr Selbstbestimmung für die eigene Pflegeversorgung und eine größere Flexibilität der Leistungen.

Der Pflegedschungel muss weg. Familien benötigen eine agile Pflegekultur, schnellen, leichtverständlichen und effektiven Zugang zu selbstbestimmter Hilfe. Pflegeunterstützung muss sich schnell und flexibel den Bedürfnissen anpassen können.

Das bedeutet vor allem auch Kontrolle über die Ressourcen, zu denen Familien berechtigt sind. Hand in Hand mit zugehender Beratung benötigen Familien auch eine zugehende Flexibilität der Finanzierung – pflegende Angehörige müssen am Jahresanfang bereits wissen und sich einteilen können, was ihnen zur Unterstützung zur Verfügung steht.

Zum Glück beinhalten die überarbeiteten Pläne von Herrn Westerfellhaus nun auch wieder die Verhinderungspflege als flexible Leistung – das begrüßen wir! Besonders wichtig ist auch die Einbindung der Tagespflege im Entlastungsbudget, die für viele eine zentrale Bedingung für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ist. Immer wieder betonen pflegende Angehörige, wie wichtig es ist Leistungen flexibel einsetzen zu können. Nur so kann den eigenen Kräften, der eigenen Gesundheit und den sich oft ändernden Pflegesituationen entsprochen werden.

Was ist die größte Schwachstelle aus Ihrer Sicht?

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Zwei der größten Schwachstellen des Pflegesystems sind vor allem die unzureichenden Leistungen der Pflegeversicherung, die seit Jahren dauernder Nachbesserung bedürfen. Hier fehlt der politische Mut zu einer Pflegewende.

Aber auch die grundsätzliche und systematisierte Bevormundung der pflegebedürftigen Menschen und der pflegenden Angehörigen muss sich ändern. Sie ist mit die Ursache der völlig überzogenen Bürokratisierung der Leistungen. Die überwältigende Mehrheit aller Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen sind sehr verantwortungsvolle Menschen. Man darf nicht an der Angst vor zweckentfremdeter Nutzung die wichtige Selbstbestimmung und Flexibilisierung begrenzen, die letztlich maßgeblich zur Pflegeerleichterung beiträgt!

Mit Blick auf das nächste Jahr: Was ist Ihrer Meinung nach der wichtigste Punkt, dem sich eine neue Regierung widmen sollte?

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Wir pflegen arbeitet daran, dass sich bereits vor der Wahl viele Parteien für eine deutliche Pflegewende einsetzen, das heißt auch für eine dringend notwendige Erneuerung der Pflegeversicherung. Dies sind letztlich die Vorbedingungen, um den wachsenden Anforderungen in der Pflegeversorgung und den Menschen, die sie leisten, gerecht zu werden.

Nach der Wahl muss eine neue Koalition dann den Mut aufbringen, dies umzusetzen. Mehr Selbstbestimmung in der Pflege, weniger Bürokratie und mehr Flexibilität bedeutet, den Menschen, die pflegen, größere Anerkennung und Verantwortung zuzugestehen und sie nicht zu bevormunden.

Die Wertschätzung der Pflegeleistung, die pflegende Angehörige erbringen, muss sich politisch in besseren Hilfen und Unterstützung, sozialrechtlicher Absicherung und dem Recht auf soziale Teilhabe reflektieren. Pflegende Angehörige als Experten zu sehen und sie auf allen Ebenen in die Pflegeplanung einzubinden, das ist die Feuerprobe für alle Parteien.

Vielen Dank für das Interview, Herr Fischer.

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion