Der Tag des Ehrenamts 2019
Ehrenamt Heroshot

Die Bedeutung des Ehrenamts

Über 30 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland, helfen in Freiwilligen Feuerwehren, sichern Badeseen, leisten Erste Hilfe auf Großevents oder unterstützen Kinder beim Lesenlernen. Sie machen sich stark für andere und leisten mit ihrem unermüdlichen Tatendrang einen bedeutenden Beitrag zum Gemeinwohl. Dass jeder dritte Deutsche freiwillig Zeit in die gute Sache investiert, ist ein starkes Zeichen für eine aktive und vielfältige Zivilgesellschaft.

Dieses Engagement ist keine Selbstverständlichkeit und verdient Anerkennung. Seit 1986 findet deshalb immer am 5. Dezember der Internationale Tag des Ehrenamtes statt. In Deutschland wird an diesem Tag das Ehrenamt mit der Verleihung des Deutschen Engagementpreises gefördert. 

Der  Beschluss zur Errichtung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt war in diesem Jahr ein weiterer wichtiger Beitrag zur Anerkennungskultur. Im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit werden Nachwuchsgewinnung, die Entbürokratisierung der Vereinsarbeit und die Stärkung von Engagement in strukturschwachen und ländlichen Regionen stehen. Denn, wie Familienministerin Giffey vor dem Bundestag treffend festhielt:

„Engagement ist Gold wert und gleichzeitig unbezahlbar. Wir können es nicht verordnen. Wir können es nur fördern und unterstützen; denn es macht unser Land aus und hält unsere Gesellschaft zusammen.“

In Zusammenarbeit mit großen bekannten, aber auch kleineren, spannenden gemeinnützigen Organisationen und Vereinen möchten wir Engagement in all seiner Vielfalt sichtbar machen. Außerdem machen wir eine kleine Reise in die Vergangenheit des Ehrenamtes.

Diese Vereine haben sich im vergangenen Jahr beteiligt

Das Logo vom Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland eV
Lesewelt e.V. Logo
Nabu Landesverband Berlin Logo
Das Logo von GuteTat.de
drk-logo
THW Logo
Das Logo von der Heilsarmee Dresden
Sternenzauber Fruehchenwunder e.V. Logo
Wikimedia Logo
Das Logo vom Medizin Hilft e.V.
TelefonSeelsorge Logo
Landesfreiwilligenagenturen Logo
Wie aus Ehrenämtern Berufe wurden

Wie aus freiwilligem Engagement Berufe wurden

Bereits seit Menschengedenken gibt es ehrenamtliches Engagement. Vor der Industrialisierung erfolgte es vor allem in Form sogenannter christlicher Liebestätigkeiten. Denn das Neue Testament verpflichtete Christen dazu, soziale Notstände zu lindern und durch die Hilfe für Bedürftige Gott zu ehren. In Folge der Massenarmut der Industrialisierung entwickelte sich schließlich auch die öffentliche Armenfürsorge. Kommunen waren nun für die Versorgung der Bedürftigen zuständig und setzten dafür sogenannte Armenpfleger ein – die natürlich ehrenamtlich arbeiteten.

Auch in der Jugendarbeit, der Sucht- und der Aidsberatung waren es zunächst Ehrenamtliche, die sich engagierten, bevor diese Bereiche institutionalisiert wurden.

Die Geschichte beweist: Ehrenamt und Soziale Arbeit durch Fachkräfte waren und sind eng verwoben. Nicht zuletzt, da das Ehrenamt oft den ersten Impuls für die notwendige Professionalisierung gibt und staatliche Versorgungslücken ohne Umwege kurzfristig zu schließen vermag.

Ehrenamt im Sozialwesen Navi

Ehrenamt im Sozialwesen

Die Möglichkeiten, sich im sozialen Bereich – also in der Hilfe für andere –zu engagieren, sind unzählig. Von der Integrationsarbeit für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte über gemeinsame Lebensmitteleinkäufe mit Senioren zur Bekämpfung von Altersarmut und Isolation bis zur Bildungsarbeit in Schulen gegen Sexismus und starre Geschlechterrollen – für jeden Interessenbereich gibt es ein passendes Ehrenamt. Dazu zählen natürlich auch klassische Tätigkeiten zu mildtätigen Zwecken in der freien Wohlfahrtspflege, wie in den Kältebussen in der Obdachlosenhilfe.

Interview mit Jochen Brühl

Tafel Deutschland

Als ältester und größter Lebensmittelretter in Deutschland holt die Tafel aussortierte, aber qualitativ einwandfreie Produkte bei Händlern und Herstellern ab. Anschließend werden sie sortiert und in den Tafeln ausgegeben – all diese Aufgaben erledigen Ehrenamtliche. Die Helfer übernehmen auch die Verwaltung der einzelnen Tafeln, organisieren Veranstaltungen und Projekte wie Kochkurse oder helfen als Übersetzer. Auch werden die Tafeln bei der Gestaltung von Websites oder Spendenaktionen durch Ehrenamtliche unterstützt.

Das Logo der Tafel Deutschland
Jochen Brühl von der Tafel Deutschland

Wo liegt die Bedeutung des Ehrenamtes für den sozialen Sektor?

Das Ehrenamt ist eine unverzichtbare Säule unserer Gesellschaft. Es entbindet es den Staat nicht von seiner Verantwortung, aber es ermöglicht gerade im sozialen Bereich wichtige zusätzliche Angebote für bedürftige Menschen und es beeinflusst das Klima in unserer Gesellschaft zum Positiven.

Wo ständen wir Ihrer Ansicht nach ohne ehrenamtlich Engagierte und Angebote wie die Tafel?

Das Modell Tafel funktioniert nur dank unserer bundesweit 60.000 Ehrenamtlichen. Zu den Tafeln kommen 1,65 Millionen Menschen – ohne das Engagement der Ehrenamtlichen wäre ihre finanzielle Situation noch prekärer und sie wären sozial noch isolierter. Außerdem retten die 947 Tafeln in jeder Minute 500kg Lebensmittel vor der Tonne, das macht aufs ganze Jahr gerechnet 264.000 Tonnen. Unser Engagement bietet also einen sozialen und einen ökologischen Mehrwert.

Welchen Mehrwert ziehen Ehrenamtliche der Tafel für sich persönlich aus ihrer Arbeit?

Sich ehrenamtlich zu engagieren, macht glücklich. Ich kann das bestätigen, auch wenn es schwierige Situationen gibt oder Begegnungen, die einem nahe gehen. Ein Ehrenamt bei den Tafeln erweitert den eigenen Horizont. Viele Menschen wissen nicht, wie Armut in unserem Land aussieht und dass die meisten Menschen daran nicht selbst schuld sind. Miteinander in Kontakt zu kommen, schafft Verständnis. Ich finde es gerade in der heutigen Zeit wichtig, mitmenschlich und solidarisch miteinander zu sein, in Kontakt zu kommen statt zu spalten. 

Ein Fünftel unserer Ehrenamtlichen sind zudem selbst Tafel-Kundinnen und -Kunden und möchten häufig etwas zurückgeben oder ähnlich situierte Menschen unterstützen. Und natürlich treibt es viele unserer Engagierten genauso an, die unfassbaren Mengen an genießbaren Lebensmitteln zu retten.

Kritiker bemängeln gelegentlich, dass die Tafeln nicht die Ursachen der Armut bekämpfen, sondern letztlich als Existenzsicherung anstelle des Staates einspringen. Wie stehen Sie zu solcher Kritik und sehen Sie Handlungsbedarf von staatlicher Seite?

Es ist nicht die Aufgabe der Tafeln, Armut zu bekämpfen – das können wir auch gar nicht leisten. Die Lebensmittelspenden der Tafeln sind eine ergänzende Hilfe und decken nicht den kompletten Bedarf der Betroffenen ab. Sie lindern die Symptome von Armut und geben den Tafel-Kundinnen und -Kunden etwas finanziellen Spielraum.

Die Armutsbeseitigung ist Aufgabe des Staates. Lediglich eine bessere Sozialpolitik kann die Situation der von Armut betroffenen und bedrohten Menschen in Deutschland nachhaltig verbessern. Gleichzeitig fordern wir staatliche Unterstützung in Form einer Grundfinanzierung für die Tafel-Arbeit, damit wir noch mehr Lebensmittel retten können. Bis 2030 wollen wir die Lebensmittelverschwendung in Deutschland halbieren – da gibt es noch viel zu tun.

Interview mit Astrid Fischer

TelefonSeelsorge

Die TelefonSeelsorge ist eine bundesweite Organisation. Rund 7.500 umfassend ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit vielseitigen Lebens- und Berufskompetenzen stehen Ratsuchenden in 105 TelefonSeelsorgestellen vor Ort zur Seite. Die Ehrenamtlichen sind sowohl am Telefon als auch in der Onlineseelsorge über Mail und Chat tätig. Für die Organisation der TelefonSeelsorge zeigen sich die Hauptamtlichen verantwortlich.

TelefonSeelsorge Logo
Astrid Fischer von der TelefonSeelsorge

Wie sieht der Alltag eines Ehrenamtlichen bei der TelefonSeelsorge aus?

Wer bei der TelefonSeelsorge ehrenamtlich arbeitet, macht in der Regel zwei bis drei Dienste im Monat und nimmt an verpflichtenden Supervisionen teil. In den Supervisionen werden Gespräche – natürlich anonymisiert – besprochen, um Ehrenamtlichen auch einen Raum zu geben, über belastende Telefonate zu reden. Darüber hinaus sind Weiterbildungen vorgesehen. 

Der Beginn jedes Dienstes sieht zunächst einmal vor, dass eine Übergabe erfolgt. Die Person, die zuvor am Hörer gesessen hat, erzählt kurz, was in ihrem Dienst los war. Das ist insbesondere sinnvoll, weil jemand nochmals anrufen könnte. Anschließend werden die Anrufe entgegengenommen,  Mails bearbeitet oder Chatgespräche geführt. Die Gespräche finden stets in einem dafür vorgesehenen Raum statt. Die Räume sind wohlig eingerichtet, um eine grundsätzlich positive Atmosphäre zu schaffen. Am Ende des Dienstes erfolgt wieder die Übergabe. Falls jemand zwischendurch austreten möchte oder ein Gespräch kurz verarbeiten muss, kann das Telefon in die Region umgestellt werden.

Wie prägt die Arbeit bei der TelefonSeelsorge das Leben der Ehrenamtlichen persönlich?

Die meisten sagen, dass sie durch die Arbeit bei der TelefonSeelsorge gelernt haben, schwierige Situationen in den Griff zu bekommen und dass sie dieses Wissen auch sehr gut auf ihr privates Leben anwenden können. Einige können darüber hinaus die Ausbildung bei der TelefonSeelsorge prima für ihre beruflichen Belange gebrauchen. Die Arbeit hier wird vielfach als Zusatzausbildung geschätzt.

Wo liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung des Ehrenamts für den Sozial- und Gesundheitssektor?

Auf diese Frage kann es keine klare und eindeutige Antwort geben, denn sowohl Sozial- als auch Gesundheitssektor sind sehr divers aufgestellt. Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass es beide Säulen braucht, um eine funktionierende Gesellschaft hinzubekommen. Da ist die TelefonSeelsorge ein sehr gutes Beispiel: Ohne die professionellen Schulungen und die Organisation der Stellen oder der Bundesebene würde es nicht funktionieren. 

Aber die Arbeit selbst klappt nur, weil 7.500 Ehrenamtliche ihre Arbeit gewissenhaft und voller Engagement betreiben. Die Arbeit durch Hauptamtliche machen zu lassen, die wohlmöglich 40 Stunden pro Woche arbeiten sollen, kann nicht gehen. Eine so hohe Anzahl an Gesprächen und den damit verbundenen Problemstellungen kann sehr schnell die eigene Seele an eine Grenze bringen.

Wo ständen wir Ihrer Ansicht nach ohne ehrenamtlich Engagierte?

Unser Angebot ist per Telefon, Mail, Chat oder vor Ort erreichbar. Davon werden die drei Bereiche Telefon, Mail und Chat nahezu durchgängig durch das Engagement der Ehrenamtlichen geleistet. Würden wir die zahlreichen Ehrenamtlichen wegdenken, gäbe es die TelefonSeelsorge in ihrer aktuellen Form nicht mehr. Sicherlich ist es schwierig, anhand unserer Organisation eine gesamtgesellschaftliche Situationsbeschreibung abzuleiten, aber viele Bereiche des sozialen Miteinanders wären ohne die Arbeit von Ehrenamtlichen nicht denkbar. 

Interview mit Anna Kamieth

Freunde alter Menschen e.V.

Freunde alter Menschen e.V. ist eine Freiwilligen-Organisation mit internationaler Ausrichtung. Als Mitglied der internationalen Föderation „les petits frères des Pauvres“ ist er seit 1946 in Europa und Nordamerika aktiv und hat Beraterstatus bei den Vereinten Nationen (UNO). Weltweit engagieren sich in zehn Ländern über 22.000 Freiwillige und Mitarbeiter gegen die Vereinsamung alter Menschen. In Deutschland engagiert sich der Verein seit 28 Jahren neben Hamburg an vier Standorten in Berlin und einem in Köln.

Das Logo von Freunde alter Menschen e.V.
Anna Kamieth von Freunde alter Menschen e.V.

Welche Bedeutung messen Sie der Arbeit Ihres Vereines zu?

Niemand möchte im Alter allein und isoliert leben. Das ist aber für hochbetagte Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, oft traurige Realität. Laut dem Deutschen Zentrum für Altersfragen sind 16 Prozent der über 85-Jährigen von Einsamkeit betroffen.
Unser Verein Freunde alter Menschen hat sich deshalb zur Aufgabe gemacht, hochbetagte Menschen vor Einsamkeit und Isolation zu bewahren. Unser Engagement ist vielfältig. Im Mittelpunkt stehen Besuchspartnerschaften zwischen Jung und Alt. Darüber hinaus führen wir Veranstaltungen und Ausflüge durch und beraten zu Themen rund um das Alter. 

Wie kann man sich beim Freunde alter Menschen e.V. engagieren? 

Bei uns ist ein längerfristiges Engagement gefragt, denn unsere Freiwilligenarbeit besteht zu großen Teilen aus Beziehungsarbeit. Wer als Freiwilliger bei uns einsteigen möchte, sollte sich mindestens für ein Jahr engagieren können. Dabei gibt es verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Zum einen natürlich die ganz klassische Besuchspartnerschaft, bei der ein Ehrenamtlicher einen alten Menschen besucht. Oft entwickelt sich daraus eine Freundschaft, die bis zum Lebensende des alten Menschen andauert. Außerdem ist auch der regelmäßige Kontakt mit „Alten Freunden“ per Telefon möglich. Wer sich nicht so regelmäßig engagieren kann, kann dennoch punktuelle Hilfe bei Veranstaltungen leisten.

Wie sieht ein typischer Tag bei einer Besuchspartnerschaft aus? 

Die alten Menschen entscheiden, ob sie gern besucht werden wollen und wenn ja, von wem. Im Gegenzug sind auch unsere Freiwilligen in ihrer Entscheidung frei, mit wem sie eine Besuchspartnerschaft eingehen möchten. Unser Anliegen ist es, dauerhafte Freundschaften zu schaffen, die auf gegenseitigem Respekt aufbauen. Deshalb nehmen wir uns viel Zeit, um in persönlichen Gesprächen herauszufinden, wer gut zusammenpasst. So profitieren beide Seiten von der Besuchspartnerschaft. Wir empfehlen mindestens 14-tägig einen Besuch von etwa zwei Stunden.

Einer unserer alten Freunde, Herr Ohle, hat mal zu mir gesagt: „Wissen Sie, wenn mich die Maja besucht, freue ich mich, das ist ganz anders, dann habe ich auch einen Grund aufzustehen, mich richtig anzuziehen und sogar aufzuräumen. Wenn niemand kommt, warum soll ich das eigentlich tun?“

Auch unsere freiwillige Mitarbeiterin im Telefonkreis-Team, Ingrid Fischer, sagt: „Frau Wolters weiß immer, wenn ich anrufe, dass jemand an sie denkt und sie nicht vergessen ist. Einmal wöchentlich ist jemand da, der nach ihr fragt, das beruhigt sie sehr.“

Warum engagieren sich Ihre Ehrenamtlichen gerne beim Freunde alter Menschen e.V.?

Es gibt viele Gründe, die unsere Ehrenamtlichen bewegen. Die meisten wollen einfach helfen, einem alten, einsamen Menschen Lebensfreude zurückgeben. Man darf auch nicht vergessen, dass man von den „Alten Freunden“ viel lernen kann, vielleicht sogar eine positive Einstellung zum Alter entwickeln kann. Andere wiederum finden es toll, Teil in einer international agierenden Organisation zu sein.

Unsere Freiwillige Lisa Berloge erklärt ihre Beweggründe: „Wenn ich jemanden brauche zum Zuhören, gehe ich oft zu meiner Alten Freundin. Wenn sie mich sieht, hat sie schlagartig gute Laune, und auch immer ein offenes Ohr für mich. Und bei ihr komme ich nie ungelegen, sondern immer genau richtig.“

Natürlich ist es nicht immer leicht zu Beginn, schließlich lernen sich ja zwei einander ganz unbekannte Menschen kennen. Unsere Ehrenamtliche Melanie Gruber hat dazu über ihre Erlebnisse mit ihrer „Alten Freundin“ berichtet:

„Am Anfang ist es schon immer schwer, weil sie sehr negativ drauf ist, aber am Ende jedes Treffens kann ich mir sicher sein, hat sie mindestens dreimal gelacht, die negative Haltung begraben und ihren Optimismus wiedergefunden. Ich glaube, das tut ihr gut. Und mir auch.“

Interview mit Rosi Scharf und Gert Scharf

Heilsarmee Dresden

Die Heilsarmee ist eine christliche Freikirche mit ausgeprägter sozialer Tätigkeit. Sie nahm 1865 in London ihren Anfang und verbreitete sich ab den 1880er Jahren schrittweise über die ganze Welt. Die „friedlichste Armee der Welt“ bedient sich dabei der hierarchischen Strukturen des Militärs. Der Einsatz Ehrenamtlicher erfolgt bei der Heilsarmee Dresden in der Küche, im Tagestreff, im Kleiderladen, bei der Essensausgabe an Bedürftige, bei Entgegennahme von Sachspenden oder auch im Einsatzfahrzeug zur Verteilung von Heißgetränken und Lebensmitteln an Obdachlose.

Das Logo von der Heilsarmee Dresden
Gerd und Rosi Scharf von der Heilsarmee Dresden

Ist der christliche Glaube eine Grundvoraussetzung, um sich bei der Heilsarmee ehrenamtlich engagieren zu können?

In Dresden ist es keine Grundvoraussetzung. Hilfe am Nächsten kann ganz unterschiedlich motiviert sein. Hier gilt es mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Doch bei manchen, die für die Heilsarmee arbeiten, springt der Funke über und sie beginnen, sich mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen. So ergeben sich im täglichen Zusammenarbeiten nicht nur fachliche Berührungspunkte, sondern auch ganz persönliche Fragen.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei der Heilsarmee aus?

Da ehrenamtliche Mitarbeiter uns ihre Zeit schenken, werden sie möglichst in Feldern eingesetzt, die ihnen selbst wichtig sind. Wir haben Mitarbeiter, die uns täglich sechs Stunden unterstützen, aber auch solche, die einmal im Monat für drei Stunden helfen.

Bei uns fängt der Tag mit einem gemeinsamen Frühstück an. Hierbei spielt der Teamgedanke eine große Rolle. Nach dem Frühstück gehen die Mitarbeiter in ihre Arbeitsbereiche, beispielweise zur Kleiderausgabe, in die Küche oder auch zum Fahrdienst, um Lebensmittel von Märkten zu holen. Zum Mittagessen treffen sich dann alle wieder. Es wird sich über den Tag ausgetauscht, Probleme erläutert oder Verabredungen getroffen. Der Austausch ist der Einrichtungsleitung sehr wichtig. Hier werden nicht selten auch persönliche Probleme besprochen. Manche Ehrenamtliche haben selbst ähnliche Erfahrungen gemacht wie unsere Besucher – geringes oder fehlendes Einkommen, zeitweise kein Dach über dem Kopf und so weiter.

Mindestens zweimal im Jahr treffen wir uns alle zusammen um zu feiern. Für die Leitung ist dies eine Gelegenheit, sich bei den Einsatzkräften ausdrücklich zu bedanken.

Was nehmen die Ehrenamtlichen aus ihrer Arbeit bei der Heilsarmee für sich persönlich mit?

Sie haben das Gefühl, für andere da sein zu können. Andere können etwas von dem zurückgeben, das sie selbst als Hilfeempfänger einmal erhalten haben. Wir haben zum Beispiel eine Dame, die im nächsten Jahr ihren 80. Geburtstag feiert. Sie ist an fünf Tagen in der Woche bei uns und hilft im Kleiderladen. Hier kann sie ihre Begabung ausleben, mit Menschen umzugehen. Sie kann ihre Lebenserfahrung an Jüngere weitergeben und fühlt sich nicht isoliert. Die Arbeit macht ihr Spaß und sie bekommt dadurch Bestätigung. 

Menschen, die arbeitslos sind, können ihren Tagesrhythmus im Ehrenamt aufrechterhalten. Sie fühlen sich nicht abgeschrieben, sondern werden gebraucht. Bei uns in Dresden kann man auch ganz neue Einsatzbereiche ausprobieren. Wer ein Leben lang im Büro gearbeitet hat, hat vielleicht Spaß daran, Gemüse zu schneiden und Frühstück an andere auszuteilen.

Wo liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung des Ehrenamtes für den sozialen Sektor?

Aus unserer Sicht ist es kaum noch möglich, ohne ehrenamtliche Mitarbeiter Hilfen für Menschen in Notsituationen aufrechtzuerhalten. In Dresden sind wir zehn bezahlte „Fachkräfte“ und rund 35 ehrenamtliche Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit.

Der Staat selbst ist darauf angewiesen, dass soziale und christliche Organisationen Menschen am Rande unserer Gesellschaft Mut zusprechen und mit Suppenküchen, Lebensmittelausgaben und Beratung helfen. Die lokalen Organisationen der Heilsarmee arbeiten häufig mit anderen Hilfsorganisationen zusammen, um eine Brücke zu schlagen. Viele Menschen, die beispielsweise zu uns in den Tagestreff kommen, haben keinen festen Wohnsitz, kein Einkommen – sie sind von keiner Statistik erfasst, haben keine Lobby und leben dennoch in unseren Städten. 

Die Heilsarmee richtet sich an diese Menschen, um Erste Hilfe, eine warme Mahlzeit, Kleidung oder Trost zu spenden. Doch erst wenn die Menschen in einer festen Einrichtung aufgenommen werden, in ein Obdachlosenheim oder ähnlichem einziehen, erhalten die Organisationen eine Refinanzierung vom Staat. Daher ist die Heilsarmee auf ehrenamtliche Hilfen und Spenden angewiesen. Würde diese Hilfe für die Ärmsten in unserem Land wegfallen, würden sich die Lebensbedingungen deutlich verschlechtern, die Überlebenschance besonders im Winter sinken.

Interview mit Ursula Frommholz

Lesewelt Berlin e.V.

Seit dem Jahr 2000 organisiert Lesewelt Berlin e.V. regelmäßig Vorlesestunden für Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren mit ehrenamtlichen Vorlesepaten in ganz Berlin. Ziel ist, in den Kindern die Freude am Lesen zu wecken, sie beim Lernen zu unterstützen und ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Bislang haben Lesewelt-Vorlesepaten über 180.000 kleine Besucher auf spannende Leseabenteuer mitnehmen können und mehr als 10.000 Kinderbücher verschenkt. Der Besuch einer Lesewelt-Vorlesestunde ist für die Kinder kostenlos, eine Anmeldung nicht erforderlich.

Lesewelt e.V. Logo
Ursula Frommholz von Lesewelt e.V.

Welche Bedeutung messen Sie der Arbeit Ihres Vereines zu?

 Lesewelt Berlin e.V. gilt als Pionier unter Deutschlands Vorleseinitiativen. Was mit einer einzigen Vorlesestunde im Juni 2000 in einer Berliner Bibliothek begann, ist heute bundesweit verbreitet. Denn die Idee von Lesewelt verbindet auf einfachste Weise die aktuellen gesellschaftspolitischen Themen Bildung, Integration und bürgerschaftliches Engagement. Und alle Beteiligten profitieren: Die Kinder erlangen durch Lesewelt-Vorlesestunden die Schlüsselqualifikation „Lesen“, die es erst ermöglicht, in unserer Gesellschaft erfolgreich zu sein. Die Vorleser erhalten eine sinnvolle Aufgabe. Durch Lesewelt kommen Kinder und Erwachsene miteinander ins Gespräch, Menschen verschiedener Kulturen lernen sich kennen und verstehen. Und schließlich freuen sich auch die öffentlichen Einrichtungen über ein qualifiziertes Angebot für ihre Besuchergruppen.

Wie sieht ein typischer Tag als ehrenamtlicher Vorleser aus?

Für Waltraud Hanner, seit mehr als 15 Jahren Lesewelt-Vorleserin, beginnt der Vorlesenachmittag gegen 15 Uhr, wenn sie ihre Wohnung verlässt. Sie ist etwa eine halbe Stunde vor Beginn der Vorlesestunde in der Bibliothek, um Vorbereitungen zu treffen: Bücher auswählen, Eltern und Kinder begrüßen, die Kinder in altersgerechte Gruppen aufteilen und ein geeignetes Vorleseplätzchen suchen. 

Dann beginnt sie mit dem Vorlesen. Die Gruppe umfasst in der Regel vier bis fünf Kinder. Mit den Vorschulkindern wird nicht nur gelesen. Gemeinsam werden auch Bilderbücher betrachtet. Es wird gelesen, erzählt und gelacht, aber manchmal muss auch aufkommende Unruhe geschlichtet werden. Am Ende stempeln die Kinder ihre Vorlesekarte. Wer zehn Stempel hat, erhält ein Buchgeschenk vom Verein. Sind die Buchgeschenke ausgegeben, werden Kinder und Eltern verabschiedet. Danach gibt es noch einen kleinen Plausch mit den Vorleserkollegen und dann geht es für Frau Hanner nach Hause.

Was nehmen die Ehrenamtlichen beim Lesewelt Berlin e.V. für sich persönlich aus ihrer Arbeit mit? 

Lesewelt-Vorlesepaten haben Spaß am (Vor-)Lesen und vor allen Dingen am Umgang mit Kindern. Sie zeichnen sich durch Geduld, Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und kontinuierliches ehrenamtliches Engagement aus. Waltraud Hanner ist ehrenamtliche Vorlesepatin, weil sie gerne mit den Kindern zusammen ist und ihre Entwicklung begleiten möchte. Sie sagt: „Ich erfahre Dankbarkeit und Freude, auch der Eltern. Das ist für mich der größte Lohn!“ 

Auch ich selbst kenne das Gefühl, nach einer gelungenen Vorlesestunde nach Hause zu schweben. Deshalb ist es für mich das schönste Ehrenamt der Welt!

Wie viele ehrenamtliche Mitglieder hat Ihr Verein?

Derzeit lesen wöchentlich rund 130 ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser vor. Lesewelt Berlin e.V. hat noch nie eine Finanzierung aus öffentlichen Mitteln erhalten, sondern ist seit Gründung gezwungen, sich ausschließlich aus privaten Spenden und Zuwendungen zu finanzieren.

Ehrenamt im Rettungsdienst

Häufig geht der erste Gedanke beim Thema ehrenamtliche Rettungsdienste zur Freiwilligen Feuerwehr. Rund 95 Prozent der Feuerwehrleute in Deutschland engagieren sich freiwillig und unbezahlt. Sie helfen bei Bränden, Unfällen und retten Menschleben sowie Sachwerte. Doch auch in der Wasserrettung würde ohne die zahlreich anpackenden Ehrenamtlichen an Badeseen, in Schwimmbädern und bei Spezialeinsätzen im Wasser nichts gehen. Gleiches gilt für Hundesuchaktionen, Veranstaltungsabsicherungen und natürlich den Katastrophenschutz. Denn: Selbst bei Hochwasser und internationalen Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis und Orkanen wird sich freiwillig engagiert – und das auf professionellem Niveau.

Ehrenamt im Rettungsdienst Navi

Interview mit Achim Wiese

Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V.

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft ist die größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt. Sie zählt rund 1.800.000 Mitglieder sowie Förderer und arbeitet nahezu ausschließlich ehrenamtlich. Die Struktur des DLRG ist in Bundesverband, Landesverbände, Bezirks- und Ortsgruppen aufgeteilt – bundesweit sind gerade mal 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hauptamtlich tätig. Neben der Schwimm- und Rettungsschwimmerausbildung gehören der Wasserrettungsdienst und die Aufklärung über Wassergefahren zu den Kernaufgaben der DLRG.

Das Logo von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V.
Achim Wiese von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V.

Wo werden die Ehrenamtlichen beim DLRG überall eingesetzt?

Zunächst einmal ist natürlich wichtig, dass wir über zehn Millionen Stunden pro Jahr ehrenamtlich leisten. Das ist ein gesellschaftlicher Beitrag, der erheblich ist. Die DLRG arbeitet fast zu 100 Prozent ehrenamtlich. Der größte Bereich bezieht sich auf die Schwimm- und Rettungsausbildung. Auf dem gesamten Bundesgebiet sind rund 63.000 ehrenamtliche Schwimmlehrer – also Ausbilder – tätig. 

Der zweite große Bereich der DLRG ist der Einsatz. Das ist der Wasserrettungsdienst – in der Sommersaison aufpassen, dass niemand in den Gewässern ertrinkt, die als Badestellen genutzt werden. Auch Flüsse und Küstenabschnitte zählen dazu, zum Teil auch Schwimmbäder. Über 45.000 Freiwillige engagieren sich hier in ihren Ferien, an den Wochenenden und Feiertagen. Dann gibt es noch den Bereich Aufklärung. Der fließt ein wenig in alle anderen Bereiche mit ein. Insgesamt hat die DLRG fast 150.000 Mitglieder, die aktiv tätig sind.

Wie sieht der Alltag eines Ehrenamtlichen beim DLRG aus? 

Ich bin selbst vom Ehrenamt in mein heutiges Hauptamt gewechselt. Wie der Alltag aussieht, hängt stark davon ab, in welchem Bereich man tätig ist. Wenn ich in der Rettungsschwimmausbildung tätig bin, bin ich beispielsweise jeden Dienstag und Donnerstag von 18 bis 21 Uhr in der Schwimmhalle und bilde die Kinder-, Jugend- und Erwachsenengruppen zu Schwimmern oder Rettungsschwimmern aus.
Bin ich hingegen ausschließlich im Einsatz tätig, im Wasserrettungsdienst, als Taucher oder Sprechfunker, kann das ähnlich unter der Woche aussehen, meistens finden die Einsätze jedoch am Wochenende statt. Von 9 bis 18 Uhr im Wachturm zu sitzen ist da normal.

Außerdem müssen die Rettungsfähigkeit und die Lizenzen ständig erhalten werden. Wer Taucher werden will, muss die zugehörige Ausbildung durchlaufen. Das ist nicht einfach und bedarf nicht nur Zeit, sondern auch körperlicher Leistung. Da muss man gut trainieren. All diese Weiterbildungen zum Bootsführer, Taucher und so weiter erfolgen auch neben dem aktiven Ehrenamt beispielsweise als Rettungsschwimmer. 

Wenn ein Ehrenamtlicher dann seinen 14-tägigen Urlaub der DLRG zur Verfügung stellt – und damit ja auch der Gesellschaft –wird beispielshalber morgens um neun der Dienst am Strand der Insel Borkum angetreten und um 18 Uhr wieder Feierabend gemacht. 

Ältere Mitglieder, die nicht mehr aktiv im Einsatz sind, machen häufig die Verwaltung, die Buchführung und die Steuererklärungen. Heutzutage muss man als Verein schon Steuerrecht studiert haben. Was inzwischen durch Staat und Politik auf den Vereinen lastet, ist für Normalsterbliche kaum noch zu schaffen. Doch auch das wird alles durch Ehrenamtliche erledigt. 

Was motiviert Ihre Ehrenamtlichen, sich bei der DLRG zu engagieren?

Was die Motivation betrifft, haben die meisten das Bedürfnis anderen zu helfen. Sei es als Lebensretter auf dem Turm, Boot oder in der Prävention, wenn ich anderen Menschen das Schwimmen beibringe. 

Ständig neue Menschen kennenzulernen ist eine weitere Motivation. Gerade in der DLRG sind wir wie eine Familie. Ob ich in Flensburg oder Konstanz mein Rettungsabzeichen gemacht habe – es ist das gleiche. Wenn ich in eine neue Stadt umziehe, ob für das Studium oder den Job, kann ich mir sicher sein, wieder eine DLRG-Gruppe zu finden, die mich herzlich willkommen heißt. Beim Beispiel des Wasserrettungsdienstes in Borkum ist es genauso. Da kommen die Leute ja aus dem ganzen Bundesgebiet hin und sehen sich möglicherweise zum ersten Mal – oder treffen sich wieder.

So wird Motivation zum Mehrwert. Man fühlt sich als Teil dieser großen Familie. Zudem bekommen unsere Ehrenamtlichen durch ihre Weiterbildungen Zertifikate. Die meisten Arbeitgeber sind sehr offen für das Ehrenamt und fördern es. Die Lehrgänge bei der DLRG stärken schließlich auch die Sozialkompetenzen der Ehrenamtlichen.

Wo ständen Rettungsdienste ohne freiwilliges Engagement?

Da müssen wir unterscheiden: Der Rettungsdienst auf der Straße ist in der Regel nicht ehrenamtlich, das wird über die Kassen bezahlt. Bei uns ist das nicht so. Wenn von der DLRG jemand sein eigenes Leben aufs Spiel setzt, um einen Menschen aus dem Wasser zu ziehen, dann ist das pures Ehrenamt. Das geschieht alles unentgeltlich. Sobald dieser Mensch in den Rettungswagen kommt, wird es kostenpflichtig.

Was die Gesellschaft also ohne diese ehrenamtliche Komponente wäre? Pleite – würde ich sagen. Denn dann müsste man ja all diese Leistungen bezahlen und das ist nicht zu leisten. Allein der gesellschaftliche Beitrag, den wir leisten, hat schon einen Wert von weit über 100 Millionen Euro pro Jahr!

Rettungsdienste ohne freiwilliges Engagement – da würden wir ziemlich dumm dastehen. Durch entsprechende Konzepte, auch in der Jugendarbeit, versuchen wir dies zu kompensieren. Ziel ist es, das Ehrenamt so spannend zu gestalten, dass möglich viele Menschen Interesse haben dabei mitzumachen.

Interview mit Dr. Cornelia Lawrenz

Stiftung Technisches Hilfswerk (THW)

Seit 60 Jahren leistet das THW technische Hilfe im Bevölkerungsschutz im Inland und im Auftrag der Bundesregierung auch im Ausland. Einsätze erfolgen beispielsweise nach Stürmen, Erdbeben oder Hauseinstürzen. Bundesweit sind es mehr als 80.000 Helferinnen und Helfer, die sich in ihrer Freizeit engagieren, um im Notfall technische und humanitäre Hilfe zu leisten. Die Stiftung THW kann dank der großzügigen Unterstützung durch Spenden- und Sponsorengelder den Zivil- und Katastrophenschutz im Sinne des Technischen Hilfswerkes und die Entwicklung des ehrenamtlichen Handelns nachhaltig fördern.

THW Logo
Cornelia Lawrenz vom THW

Wo liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung des Ehrenamtes für die Katastrophen- und Rettungsdienste? 

Ohne Ehrenamtliche wäre der Katastrophenschutz in dieser Form nicht möglich. In Deutschland sind mehr als 13 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig: Die 80.000 THW-Helferinnen und -Helfer sind ein Teil davon. Allein im vergangenen Jahr leisteten die THW- Einsatzkräfte deutschlandweit rund 667.000 Stunden technische Hilfe, etwa bei Überschwemmungen oder beim Aufbau von Flüchtlingsunterkünften. Sie unterstützten dabei die Feuerwehren, Polizei und Rettungsdienste. Mit ihrem Engagement und ihren Aktivitäten verkörpern und vermitteln die Ehrenamtlichen des THW auch wichtige gesellschaftliche Werte, darunter Verantwortung und Toleranz.

Wie ist das sehr anspruchsvolle ehrenamtliche Engagement beim THW mit einem Vollzeitjob vereinbar? 

Ehrenamt im THW funktioniert nur, wenn den Freiwilligen keine Nachteile im Beruf entstehen. Doch ein Einsatz richtet sich nicht nach Feierabend- oder Urlaubszeiten. Das THW arbeitet mit den Arbeitsgebern als Partner eng zusammen. Denn ohne die Freistellung für einen Einsatz würde das ehrenamtliche Prinzip im Bevölkerungsschutz nicht funktionieren. 

Das THW sorgt dafür, dass den Arbeitgebern der Ausfall der Arbeitskraft Ehrenamtlicher erstattet wird. Somit ist die Fortzahlung von Lohn und Gehalt für die Einsatzkräfte gesichert. Dies gilt für angeordnete Einsätze, Übungen, Lehrgänge und sonstige Ausbildungsveranstaltungen. Beruflich Selbständige erhalten gegebenenfalls eine Verdienstausfallerstattung nach der THW-Entschädigungsrichtlinie.

Welchen Mehrwert ziehen die Ehrenamtlichen beim THW für sich persönlich aus ihrer Arbeit? 

Zusammenhalt, Kameradschaft und Toleranz mit technischen Knowhow und Hilfeleistungen zu verbinden – das geht nur im THW. Unsere Einsatzkräfte haben nicht nur einen ausgeprägten Sinn für Teamwork und Verantwortung, sie bringen darüber hinaus viele Zusatzqualifikationen mit – von technischen Ausbildungen über Erste-Hilfe-Kenntnisse bis hin zu Führungsstrategien. Auch der Erwerb des Führerscheins und zahlreiche Lehrgänge gehören zu den gebotenen Weiterbildungsmöglichkeiten. Somit hat das freiwillige Engagement von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch für Arbeitgeber viele Vorteile. 

Gibt es Ehrenämter oder Projekte beim THW, denen mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden sollte? 

Mehr Aufmerksamkeit für die Stiftung THW wäre eine tolle Sache. Denn es ist die Stiftung, die finanzielle Mittel durch die Spenden der Bevölkerung zur Verfügung stellt und Ehrenamtliche motiviert und ihre Arbeit honoriert. Die Stiftung THW investiert zielgerichtet in die Bedürfnisse des Ehrenamtes nach Ausstattung und Ausbildung und kann so das Leistungsspektrum des THW unbürokratisch ergänzen.

Interview mit Frank Scholz

Landesfeuerwehrverband Berlin e.V.

Der LFV Berlin e.V. unterstützt die Arbeit der 58 Freiwilligen Feuerwehren in Berlin mit ihren  47 Jugendfeuerwehren und stellt ihre Interessenvertretung im Land und im Bund dar.
In ganz Deutschland gibt es knapp eine Million Freiwillige-Feuerwehr-Angehörige – mit fallender Tendenz, jährlich sinkt die Anzahl um circa 10.000. Demgegenüber stehen gerade mal 31.000 Berufsfeuerwehr-Angehörige und 30.000 Werkfeuerwehr-Angehörige.

Das Logo des Landesfeuerwehrverbands Berlin e.V.
Frank Scholz von der Landesfeuerwehrverbands Berlin

Berlin bildet eine Ausnahme im Verhältnis der Freiwilligen zur Berufsfeuerwehr, hier ist der Anteil berufstätiger Feuerwehrleute höher als der freiwilliger. Warum ist das so? 

Das ist in der Hauptstadt mit der hohen Zahl von Einsätzen begründet und nicht anders umsetzbar. Die Berufsfeuerwehr mit ihrem Drei-Schicht-System fährt nicht nur zu Feuern oder Verkehrsunfällen, sondern zum hohen Anteil auch zu Rettungsdiensteinsätzen – Tendenz stark steigend. Da die Personaldecke der Kollegen der Berufsfeuerwehr begrenzt ist (zahlentechnisch hatte West-Berlin genauso viele Feuerwehrbeamte wie heute Gesamt-Berlin) wird die Freiwillige Feuerwehr in Berlin gebraucht. 

Die Berliner Feuerwehr besteht aus Freiwilliger (circa 1.500 Mitarbeiter) und Berufsfeuerwehr (circa 3.900) und sie braucht in beiden Feldern eher noch mehr Mitarbeiter –  mehr Berliner Bevölkerung, gleich mehr Berliner Feuerwehr. Die Freiwillige Feuerwehr Berlin-Hellersdorf fährt beispielsweise über 1.200 Einsätze im Jahr.

Deutschlandweit gesehen fahren die Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehren pro Wache die meisten Einsätze im Jahr.

Wie sieht der Alltag eines freiwilligen Feuerwehrmanns beim Landesfeuerwehrverband Berlin aus? 

Da kann ich als Freiwilliger Feuerwehrmann gerne kurz berichten: Definitiv ist es ein Ehrenamt, das sehr fordert. Hier ist stetige sportliche Betätigung gefragt. Um etwas anschaulicher zu werden: Um Einsätze überhaupt fahren zu können, muss die Fitness mindestens dem Deutschen Olympischen Sportabzeichen genügen. Des Weiteren dauert die Ausbildung von Mann oder Frau zur Feuerwehrkraft rund 200 Stunden. Fortbildungen zur höheren Qualifikation können gerne weitere 100 bis 300 Stunden betragen. Die notwendigen Übungsstunden sind hier noch nicht eingerechnet, ebenso wenig die Zeit auf der Einsatzstelle selbst. Hier kann man gerne mal sechs Stunden am Stück auf einer Einsatzstelle verweilen. Dass all dies nach Feierabend geschieht, sollte nicht unerwähnt bleiben.  

Welchen Mehrwert ziehen die Ehrenamtlichen bei der freiwilligen Feuerwehr für sich persönlich aus ihrer Arbeit? 

Man kann mit seinen Leuten im wahrsten Sinne durchs Feuer gehen, das prägt die Gemeinschaft. Die Ausbildung – beispielsweise auch der Führerschein – und die Ausrüstung inklusive Bekleidung sind natürlich kostenlos.

Wo liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung des Ehrenamtes für die Rettungsdienste? Wo ständen Rettungsdienste ohne freiwilliges Engagement?

Das professionelle Ehrenamt im Rettungsdienst und Katastrophenschutz ist der Schlüssel zum Erfolg. Der flächendeckende Schutz in Deutschland wäre so in dieser Art, auf der beruflichen Schiene nicht leistbar. Hier müssten viele Abstriche gemacht werden, die Qualität und Quantität der Hilfe würde bei großen Ereignissen fehlen.

Ehrenamt im Naturschutz Navi

Ehrenamt im Naturschutz

Umweltverschmutzung und Klimawandel aufhalten, Rückzugsgebiete für Tiere sowie Pflanzen erhalten oder durch Aufklärung die Akzeptanz und Sensibilisierung für den Schutz der Umwelt fördern: Naturschutz berührt ganz unterschiedliche Themen. Die ehrenamtliche Arbeit kann adrenalingeladen im Kampf gegen Waldbrände in Waldschutzteams weltweit erfolgen, aber auch ganz nah in der Biotoppflege in Bezirksgruppen der eigenen Stadt. Wer erstmal in das Ehrenamt im Naturschutz reinschnuppern möchte, kann zum Beispiel vielerorts an einmaligen Müllsammelaktionen teilnehmen.

Interview mit Alexander Gürtler

NABU Landesverband Berlin

In zahlreichen Projekten setzt sich der NABU Landesverband Berlin für mehr Natur- und Umweltschutz ein. Aktuell engagieren sich mehr als 400 Ehrenamtliche in 27 Bezirks-, Fach- und Kindergruppen sowie in der Naturschutzjugend (NAJU) und leisten jährlich 14.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Darunter fallen Pflegeeinsätze, Führungen, Nistkastensäuberungen, Pflanzaktionen, Lobbyarbeit auf Bezirksebene, Ausflüge, Umweltbildung, Naturreisen mit Kindern, Infostandarbeit, Workshops und vieles mehr noch.

Nabu Landesverband Berlin Logo
Alexander Gürtler vom NABU Berlin

Wo stände der Naturschutz ohne freiwilliges Engagement? 

Ehrenamt ist freiwillig, unbezahlt und passiert in der Freizeit. Das darf nicht vergessen werden. Ohne das ehrenamtliche Engagement gäbe es vielerorts keinen praktischen Naturschutz. Exemplarisch möchte auf die immens wichtige Pionierarbeit Ehrenamtlicher auf dem Biesenhorster Sand in Berlin oder am Flughafensee Tegel verweisen. Hier leisten Ehrenamtliche seit Jahrzehnten wichtigen Naturschutz, um diese besonderen Standorte der Artenvielfalt zu sichern. Neben der Beweidung ökologisch wertvoller Trockenrasen wird auf diesen zusätzlich mit Handarbeit nachgeholfen, um den natürlichen Aufwuchs von unerwünschten Gehölzen zu verhindern. Nur so können die artenreichen Pflanzengesellschaften erhalten bleiben. Unsere Ehrenamtlichen tragen einen bedeutenden Teil zum Erhalt und Schutz unserer Hauptstadtnatur bei. Darauf sind wir sehr stolz!

Wie sieht der Alltag eines Ehrenamtlichen beim NABU Berlin aus? 

Das kann wirklich ganz unterschiedlich sein: Vom Kuchenbacken für hungrige Menschen, die beim monatlichen Arbeitseinsatz angepackt haben, über den sporadischen Einsatz bei einer Bezirksgruppe, die sich lokal für den Vogel- und Insektenschutz stark macht, bis hin zum klassischen Vorstandsamt haben alle Ehrenamtlichen einen ganz unterschiedlichen Alltag. Aber auch unterhalb des Vorstands haben wir sogenannte Gruppensprecher*innen, die sich, gerne auch im Team, um die organisatorischen Belange einer Bezirks- oder Fachgruppe kümmern. Das fängt bei der Einladung zum monatlichen Gruppentreffen an und geht auch vielerorts bis zum Kontakt mit der Bezirkspolitik, um für die Interessen der Natur im Kiez, Stadtteil und im Bezirk einzustehen.

Welchen Mehrwert ziehen die Ehrenamtlichen beim NABU für sich persönlich aus ihrer Arbeit? 

Diese Frage ist laut unserer jüngsten NABU internen Studie aus dem Jahr 2018 sehr gut untersucht: Für viele Menschen steht der sinnvolle Einsatz für den Schutz und Erhalt der Natur an vorderster Stelle, aber auch Spaß machen darf es. Immer häufiger engagieren sich auch junge Menschen, die dem Abwärtstrend in Natur und Umwelt etwas entgegensetzen möchten. Das belegt auch die Shell Jugendstudie 2019.  Die Zugehörigkeit zu einer starken Gruppe und der gemeinschaftliche Aspekt der Tätigkeit spielen dabei eine wichtige Rolle. Anerkennung wird bei uns großgeschrieben. Wünsche zur Weiterbildung können wir über das NABU Bildungswerk erfüllen. Inhalte sind unter anderem die Ehrenamtskoordination sowie die Vorstands- und Infostandarbeit. 

Bei welchen ehrenamtlichen Projekten würden Sie sich wünschen, dass diesen mehr Aufmerksamkeit zuteil wird? 

Die Umweltbildung im Kinder- und Jugendbereich liegt uns besonders am Herzen. Es gibt bereits eine Fachgruppe Umweltbildung und eine offene Arbeitsgruppe, über die sich die ehrenamtlichen Gruppenleiter*innen von Kindergruppen vernetzen und austauschen. Und trotzdem möchten wir diesen Bereich unbedingt ausbauen. Immerhin sind mehr als 1.000 unserer knapp 18.000 Mitglieder jünger als 16 Jahre. Der Spruch, die Kinder sind unsere Zukunft, gilt für uns mehr denn je. Unser Ansatz ist es daher, bereits bei den Jüngsten mit der Sensibilisierung für Natur- und Umweltthemen anzufangen. An der Kinder- und Jugendumweltbildung Interessierte sind bei uns immer herzlich willkommen.

Digitales Ehrenamt

Im Kontext des Ehrenamtes finden die unzähligen Online-Projekte, die ebenfalls auf freiwilligem Engagement basieren, häufig kaum Beachtung. Gerade der freie Wissenszugang im Internet in Form von Enzyklopädien basiert überwiegend auf der Arbeit Freiwilliger. Genauso sieht es bei Wörterbüchern aus, sei es zur Erklärung von Jugendsprache oder Fremdsprachen – es sind Ehrenamtliche die hier helfen. Offene Kartenportale leisten zudem Katastrophenhilfe, indem tausende Freiwilliger online zusammenkommen und Geodaten zu den Orten der größten Not eintragen können. Die Möglichkeiten scheinen schier endlos und wachsen mit Voranschreiten der Digitalisierung weiter.

Digitales Ehrenamt Navi

Interview mit Abraham Taherivand

Wikimedia Deutschland e. V.

Wikimedia Deutschland ist der Verein hinter Wikipedia, dessen geschäftsführender Vorstand Abraham Taherivand ist. Der Verein arbeitet dafür, dass alle Menschen freien Zugang zu Wissen haben – nicht zuletzt, indem er die ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren der Wikipedia fördert.

Wikimedia Logo
Abraham Taherivand von Wikimedia

In welchen Bereichen und Ebenen ist es möglich, sich im Ehrenamt 4.0 zu engagieren?

Das digitale Ehrenamt umfasst ganz viel. Die meisten denken bestimmt schnell daran, dass sie einen neuen Artikel in Wikipedia anlegen können. Es ist aber auch genauso möglich, einzelne Informationen zu ergänzen beziehungsweise zu aktualisieren oder ein selbst aufgenommenes Bild hinzuzufügen und so Wikipedia bunter zu machen. Aber auch der Austausch in lokalen oder thematischen Gruppen bei persönlichen Treffen ist eine wichtige Stütze. Da entstehen ganz tolle Ergebnisse, wie neue Artikel oder Bilder, die dann von allen Menschen weiter genutzt werden können. 

Ist das digitale Ehrenamt dem „offline Ehrenamt bereits völlig gleichgesetzt? Was müsste sich ändern?

Nein, das ist es nicht. Die Anerkennung des digitalen Ehrenamts liegt weit hinter den bekannten Formen des Engagements. Es ist auch so, dass vielen gar nicht bewusst ist, dass es auch im digitalen Raum ehrenamtliche Tätigkeiten gibt. Wie wichtig aber die Arbeit in Wikipedia ist, wird dann schnell klar, wenn man darüber nachdenkt, dass allein die deutschsprachige Version von Wikipedia eine Milliarde Mal aufgerufen wird – pro Monat – und wie viele Menschen über Wikipedia in für sie neue Themen eintauchen.

Wie genau organisiert sich Wikimedia, wie werden Aufgaben an einzelne Ehrenamtliche zugeteilt und treffen sich die Mitglieder überhaupt offline?

In Wikipedia können sich ehrenamtlich Aktive so engagieren, wie sie Lust und Zeit haben. Es gibt Menschen, die ganz aktiv in einem Themengebiet sind, andere machen Bilder, wieder andere übernehmen administrative Aufgaben. Dabei kann man gut erkennen, wie selbstorganisiert Wikipedia wirklich funktioniert. Wir bei Wikimedia Deutschland stellen zum Beispiel Technik zur Verfügung, bieten gemeinsame Touren in Kulturorganisationen an, deren Schätze dann in Wikipedia beschrieben werden und übernehmen die Logistik für Offline-Treffen. Zum einen in lokalen Räumen in verschiedenen deutschen Städten, zum anderen für große Konferenzen wie die WikiCon, bei denen alle über die Zukunft von Wikipedia mitdiskutieren können.

Welche Bedeutung messen Sie dem digitalen Ehrenamt heute und in Zukunft zu?

Ich bin überzeugt, dass das digitale Ehrenamt mit der Bedeutung des digitalen Raums wachsen wird. Für viele Menschen bieten sich Vorteile der zeitlichen und räumlichen Flexibilität, anders als zum Beispiel bei Vereinen, die sich regelmäßig zur selben Zeit treffen. Aber natürlich muss der Zugang zum Internet gewährleistet sein. Wenn das gegeben ist, kann das eigene Tun auf einmal weltweit Informationen zur Verfügung stellen und zum Austausch anregen. Ganz nach unserem Motto: Gemeinsam wissen wir mehr.

Ehrenamt im Sport Navi

Ehrenamt im Sport

Die Basis des Sports ist das Ehrenamt. Jenseits des Profisports läuft ohne ehrenamtliche Trainer, Vereinsarbeit und freiwillige Helfer nichts – das Ehrenamt ist für alle Sportvereine unabhängig von der Disziplin essenziell in Deutschland. Verschiedene Studien des Bundesministeriums für Familie zeigen, dass der höchste Anteil freiwillig Engagierter im Bereich Sport zu verorten ist. Die freiwillige Arbeit ist in vielen Bereichen möglich, ob auf Vorstandsebene, als Übungsleiter, Kampfrichter oder in der Ausführungsebene selbst.

Interview mit Andreas Silbersack

Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB)

Der DOSB vertritt gegenüber Staat und anderen Interessengruppen alle Lebensbereiche, die der Sport berührt: ein gesunder und aktiver Lebensstil, gesundheitliche Prävention, das gesellschaftliche Miteinander, Respekt, Wertschätzung, Inklusion und Integration, Fair Play und Leistungsbereitschaft. Das Spektrum der Aufgaben reicht von der Sportabzeichen-Tour mit tausenden jugendlicher Teilnehmer*innen bis zur Nominierung und vor-Ort-Betreuung unserer besten Athlet*innen des Team Deutschland bei Olympischen Spielen.

Das Logo vom Deutschen Olympischen Sportbund
Andreas Silbersack vom Deutschen Olympischen Sportbund

Wo wird der DOSB tätig und wie vielfältig ist Ihre Arbeit für den Sport?

Der DOSB vertritt gegenüber Staat und anderen Interessengruppen alle Lebensbereiche, die der Sport berührt: ein gesunder und aktiver Lebensstil, gesundheitliche Prävention, das gesellschaftliche Miteinander, Respekt, Wertschätzung, Inklusion und Integration, Fair Play und Leistungsbereitschaft. Das Spektrum der Aufgaben reicht von der Sportabzeichen-Tour mit tausenden jugendlicher Teilnehmer*innen bis zur Nominierung und vor-Ort-Betreuung unserer besten Athlet*innen des Team Deutschland bei Olympischen Spielen.

Welchen Mehrwert ziehen Ehrenamtliche im Sport für sich persönlich aus ihrer Arbeit?

In einer globalisierten und von Einzelinteressen bestimmten Welt werden gesellschaftliche Bindungskräfte immer wichtiger. Sport überwindet Grenzen, er verbindet Menschen. Engagement stärkt das Miteinander, vermittelt Werte und integriert. Sich dort einzusetzen, wo es den eigenen Interessen entspricht und gleichzeitig dem Gemeinwohl dient, bringt Freude und tiefe Zufriedenheit. 

Aber Ehrenamt braucht auch Rahmenbedingungen und gute Perspektiven, das betrifft ganz konkret beispielsweise die steuerlichen  Ehrenamts- und Übungsleiterfreibeträge. Je stärker dieses Engagement von außen anerkannt wird – das beginnt mit Eltern, Mitgliedern oder Zuschauern und reicht bis zu den Verantwortlichen in der Politik – desto größer die Bereitschaft, dies auch weiterhin zu tun.

Wie groß ist Ihrer Ansicht nach die Bedeutung des Ehrenamtes im Sport? 

In den rund 90.000 Sportvereinen engagieren sich acht Millionen Freiwillige. Das teilt sich auf in circa  750.000 Amtsträger*innen auf der Vorstandsebene, zum Beispiel Vorsitzende, Kassen- oder Jugendwarte, sowie etwa 950.000 Engagierte auf der Ausführungsebene, also Trainer*innen, Übungsleiter und so weiter. Dazu kommen 6,3 Millionen freiwillige Helfer*innen, beispielsweise bei Vereinsfesten oder in Fahrdiensten. Man kann das auch ganz gut in Arbeitsleistung umrechnen: Im Durchschnitt erbringen die Engagierten auf allen Ebenen einen monatlichen Einsatz von rund 23 Millionen Stunden.

Was sind typische Bereiche für ehrenamtliches Engagement im Sport und welchen Ehrenämter sollte vielleicht mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden?

Das Wesen des Ehrenamts im Verein ist ja, dass alle mit anpacken und die anfallenden Arbeiten verteilt werden. Es kann also ganz unterschiedliche Formen von Engagement geben. Nehmen wir ein typisches Fußballspiel am Sonntagnachmittag: Die ehrenamtlichen Trainer und Schiedsrichter werden wahrgenommen. Dass der Platz vorher gemäht, die Plakate gedruckt und gehängt, die Kabinen gesäubert, dem Schiedsrichter Wasser gestellt, der Getränke- und Essensverkauf vorbereitet sowie mit Personal besetzt wird und jemand die Kasse macht, hinterher ein Bericht für den vereinseigenen Facebook-Auftritt geschrieben wird und vieles mehr, das alles findet geräuschlos und im Hintergrund statt. Und das in jeder Sportart an einem beliebigen Wochenende in Deutschland.

Interview mit Andrea Harwardt

Reitverein Integration Bernau e.V.

Der Reitverein Integration Bernau e.V. wurde 1999 durch Andrea Harwardt und Gleichgesinnten gegründet. Im Vordergrund steht der integrative und inklusive Charakter des Vereins: Neben dem Therapeutischen Reiten und dem Voltigieren ist die Arbeit mit den Kindern, mit und ohne Handicap, besonders wichtig. Auch Menschen mit Fluchtbiographie sind herzlich willkommen. 20 ehrenamtliche Helfer organisieren die Pferdepflege, das Training der fünf Turniergruppen, sieben integrative Voltigiergruppen, vier Reitgruppen sowie 60 Therapieplätze pro Woche. Besonders stolz ist der Verein auf seine Projekte mit Schulen, Pflegeeinrichtungen und geflüchteten Kindern. Andrea Harwardt ist zudem seit 2019 Botschafterin für Engagement und Sport des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftlichen Engagements.

Reitverein Integration e.V.
Andrea Harwardt vom Reitverein Integration

Welche Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, gibt es bei Ihnen? Helfen auch Menschen, die selbst nicht mit Pferden arbeiten?

Ja, unsere Ehrenamtlichen erledigen viele unterschiedliche Aufgaben, je nach Zeit, Ausbildung und Motivation. Unser Bau-Team beispielsweise erledigt Reparaturen, Neubauten von Trainingsstätten, Koppelpflege und vieles mehr, das nur indirekt mit den Pferden zu tun hat.

Ansonsten fallen natürlich von der Pferdepflege, Stallarbeit und der Ausbildung der Pferde und Übungsleiter bis zum Langzügelführen im Therapeutischen Reiten, Longenführen, Trainieren und Voltigieren jede Menge Aufgaben an, bei denen unsere Ehrenamtlichen mit den Pferden arbeiten. 

Mein Voltigierteam ist im Übrigen auch im Bundeskader Voltigieren und kann auf viele nationale und internationale Erfolge zurückblicken. Dieselben Pferde, die regelmäßig die deutsche Nationalhymne erklingen lassen, tragen einige Tage später Menschen mit und ohne Behinderung auf ihrem Rücken. Das alles ist der Reitverein Integration e.V.!

Wie sieht der Alltag eines Ehrenamtlichen beim Reitverein Integration e.V. aus? 

Exemplarisch kann ich den Alltag eines unserer FSJler aufzeigen. Der Tag beginnt mit dem Füttern der Pferde, danach werden diese auf die Koppeln gebracht und der Stall gemistet. Ab 10.00 Uhr kommt der erste von sechs Bussen, der Kinder aus einer Schule für geistig Behinderte bringt. Auf drei Ponys und Pferden wird das Therapeutische Reiten im Rahmen des Schulunterrichts durchgeführt. Danach kommen zwölf Kinder einer Schule für Kinder mit Teilleistungsstörungen und erlernen das Voltigieren. Hier Longieren die FSJler die Pferde.

Nach der Mittagspause dürfen unsere FSJler selbst Reiten. Sie bekommen Reitunterricht von einem unserer Trainer und entwickeln auch die Fähigkeit, selbst zu unterrichten.

Im Anschluss steht noch Pferdepflege, Hospitation bei der Hufpflege, Zahnpflege oder Ausbildung an. Nun wird noch der Abenddienst erledigt und der Tag ist beendet.

Natürlich gibt es auch Ehrenamtliche bei uns, die nur einmal pro Woche eine Kindergruppe betreuen – eben je nach Zeit und Lust der Menschen.

Was nehmen die Ehrenamtlichen für sich persönlich aus der Arbeit bei Ihnen mit?

Unsere Ehrenamtlichen unterstützen mit ihrem Engagement das große Ganze, den Verein. Sie bekommen viel Wertschätzung, Wissen und ein hohes Maß an Menschlichkeit zurück. Die Arbeit mit den Pferden und Menschen ist sehr erfüllend. Jeder kann so viel Zeit und Engagement einbringen, wie er möchte. Ich hingegen sorge dafür, dass sich die Ehrenamtlichen ihren Pferdetraum erfüllen können. Oft verbringen ganze Familien ihre Freizeit auf dem Hof, mit den Pferden. Freundschaften werden gepflegt. 

Wie beurteilen Sie die Bedeutung Ihres Vereins, speziell in Integrationsfragen?

Pferde sind besondere Wesen. Sie machen keine Unterschiede bei Menschen. Egal ob jung oder alt, männlich oder weiblich, gesund oder behindert, egal welche Hautfarbe. Sie spiegeln einfach den freundlichen Umgang und lassen auf ihrem Rücken sitzen, wer immer es möchte und freundlich mit ihnen umgeht.

Gleichermaßen muss man aber, um diese Tiere artgerecht zu halten, über viel Wissen verfügen. Das bedeutet, jeder muss lernen, sich weiterentwickeln und Wissen aufnehmen. Dies passiert freiwillig, fernab der Schule und Arbeit. 

Unser Bundespräsident Herr Steinmeier sagte einmal:

„Die Vereine sind der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.“

Das kann ich nur unterschreiben. Menschen unterschiedlichster Herkunft und sozialer Schicht treiben bei uns gemeinsam Sport. Diese Gemeinschaft funktioniert aber nur, wenn sich wiederum jeder einbringt.  Dadurch kommt man mit Menschen in Kontakt, die man sonst vielleicht nie kennenlernen würde. Menschen, die im Rollstuhl sitzen oder aus fernen Ländern geflohen sind. Man erzählt sich gegenseitig seine Geschichte und nimmt dadurch am Leben des Anderen teil. Schon ist mir mein Gegenüber nicht mehr egal – Menschlichkeit beginnt, den Pferden sei Dank.

Ehrenamt im Gesundheitswesen

Rund um den Globus engagieren sich Freiwillige in Kriegs- und Krisengebieten. Dafür werden stets Mitarbeiter mit und ohne medizinischen Hintergrund benötigt. Denn auch in den Büros, im Fundraising, als Standwerber und in der Öffentlichkeitsarbeit braucht es ehrenamtliche Helfer. Projekte können aber auch ganz nah sein. Viele Organisationen bilden Sanitäter aus, die auf Großevents jederzeit zur Stelle sind. Auch in der Obdachlosenhilfe gibt es medizinischen Bedarf, genauso wie in der Flüchtlingshilfe. Nicht zuletzt kann das medizinische Engagement indirekt erfolgen, denn den Patienten in Krankenhäusern mit spaßigen Vorführungen ein wenig Freude zu bereiten oder seelischer Beistand sind nicht zu unterschätzende Hilfen.

Ehrenamt im Gesundheitswesen Navi

Interview mit Patricia Dichtl

Arbeiter-Samariter-Bund Berlin e.V.

Der ASB Berlin ist die mitgliederstärkste Berliner Hilfsorganisation und engagiert sich in sämtlichen Bereichen rund um die Wohlfahrt und Daseinsfürsorge. Über 60.000 Menschen sind Mitglied im ASB Berlin. Rund 1.200 Hauptstädter*innen engagieren sich freiwillig. Dass Berlin jederzeit auf die Hilfe des ASB zählen kann, zeigen seine ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer bei vielen Gelegenheiten. Dazu gehören nicht nur die eingespielten Teams von Sanitäterinnen und Sanitätern, die dazu beitragen, dass Großevents reibungslos verlaufen, sondern beispielsweise auch die Wasserrettungsdienste, die im Sommer über Badegäste und Wassersporttreibende wachen oder die Fachdienste für Katastrophenschutz und Notfallvorsorge.

Das Logo vom Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland eV
Patricia Dichtl vom ASB

Wie sieht der Alltag eines Ehrenamtlichen beim ASB aus? 

Die Ehrenamtlichen stehen immer vor der Herausforderung, ihr Ehrenamt mit ihrem Beruf und ihrem Privatleben zu vereinbaren. Die meisten Arbeitgeber unserer Ehrenamtlichen unterstützen das Engagement ihrer Mitarbeiter. In akuten Notfällen, wie dem Stromausfall in Köpenick Anfang des Jahres, werden die Mitarbeiter dann meist auch kurzfristig freigestellt. 

Die regulären Einsätze, wie im Sanitätsdienst bei Fußballspielen oder Konzerten, finden in der Regel an den Wochenenden oder Abenden statt. Solche Einsätze sind besser planbar und stehen lange Zeit im Vorhinein fest. Einsatzbeginn für unsere Sanitäter ist meist schon etliche Stunden vor Veranstaltungsbeginn. Es fängt mit einer gemeinsamen Einsatzbesprechung an. Einsatzende ist häufig erst weit nach Mitternacht.   

Was bewegt die Ehrenamtlichen beim ASB dazu, sich zu engagieren? 

Die meisten unserer Ehrenamtlichen engagieren sich aus dem Bedürfnis heraus, zu helfen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Sie möchten ihre freie Zeit gerne in etwas Sinnvolles investieren. Eine besondere Wertschätzung ist es immer, wenn sich die Menschen, beispielsweise auf Konzerten, bei unseren Samaritern bedanken und ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass es Helfer vor Ort gibt, an die man sich wenden kann. 

Einigen liegt das Engagement quasi in den Genen und sie engagieren sich schon seit ihrer Kindheit oder Jugend. Oft sind die Eltern und Geschwister in diesen Fällen ebenfalls ehrenamtlich aktiv und haben ihre Kinder früh an das gesellschaftliche Engagement herangeführt.  

Wo liegt Ihrer Ansicht nach die Bedeutung des Ehrenamtes für die Gesellschaft?

Letztes Jahr feierte der ASB sein 130-jähriges Jubiläum. In all diesen Jahren haben wir unzählig vielen Menschen in akuter Not geholfen, haben Leben gerettet. Unsere vielen ehrenamtlichen Helfer haben dabei den größten Beitrag geleistet. Vom Katastrophenschutz über den Wasserrettungsdienst oder die Sanitätsdienste unserer Regionalverbände war der ASB permanent im Einsatz. 

Das ehrenamtliche Engagement hat eine große Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.  Viele Samariterinnen und Samariter engagieren sich über Jahre, teilweise Jahrzehnte für den ASB und für Berlin. Ihre Hilfe, ihr Einsatz sind ein Beleg dafür, wie wichtig Helfer und Rettungsorganisatoren für ein funktionierendes Gemeinwesen sind. Sie stärken in hohem Maße den gesellschaftlichen Zusammenhalt, auch in einer großen Stadt wie Berlin.

Gibt es Ehrenämter oder Projekte in Ihrem Verein, für die Sie sich mehr Aufmerksamkeit wünschten?  

Eines unserer Herzensprojekte ist der Wünschewagen. Er ist ein spezieller Krankenwagen, der schwerstkranken Menschen einen letzten Lebenswunsch erfüllt. Gerade auf den letzten Abschnitten einer Lebensreise gibt es oft noch wichtige Ziele. Sei es ein Ausflug ans Meer, ein Besuch im Tierpark oder ein Familienfest. Das Projekt finanziert sich aus Spenden. Die Wunscherfüller unterstützen das Projekt rein ehrenamtlich.  

Ein Wunsch, der uns sehr berührt hat, kam von einem Ehepaar, das seit über 60 Jahren verheiratet war. Da der Mann erblindet war, kam er in ein Pflegeheim. Seine Frau schaffte es aufgrund ihrer eigenen Gesundheit jedoch nicht mehr, ihn zu besuchen, sie konnte die Stufen im Wohnhaus nicht mehr bewältigen. Wir haben sie noch einmal zusammengebracht. Der Wunsch der beiden war nichts weiter, als noch einmal zusammen einen Mittagsschlaf zu machen.

Interview mit Dr. Skarabis-Querfeld

Medizin Hilft e.V.

Der Berliner Verein Medizin Hilft e.V. leistet durch verschiedene lokale Projekte dort Hilfe, wo Menschen durch strukturelle Lücken keinen Zugang zu staatlicher Gesundheitsversorgung haben. Ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte bieten kostenlose medizinische Versorgung an und werden dabei von ehrenamtlichen Medizinstudierenden und Pflegekräften unterstützt. Ehrenamtliche ohne medizinischen Hintergrund leisten beispielsweise organisatorische und administrative Hilfe oder  übernehmen Lotsendienste für Patient*innen. Zusätzlich bietet Medizin Hilft e.V. eine intensive Sozialberatung an. Auch der gesamte Vereinsvorstand arbeitet ehrenamtlich.

Das Logo vom Medizin Hilft e.V.
Dr. Skarabis-Querfeld von medizin Hilft e.V.

Warum wurde der Verein ins Leben gerufen?

Die Geschichte des Vereins begann 2014, als ich in einer Unterkunft für Geflüchtete eine Kleiderspende abgeben wollte. Ich bemerkte, dass die dort untergebrachten 120 Erwachsenen und circa 80 Kinder, die von der Flucht geschwächt und teils akut erkrankt waren, in den Weihnachtsferien von keiner staatlichen Anlaufstelle versorgt wurden. Als ich merkte, dass meine medizinische Hilfe dort dringend gebraucht wird, war die Initiative Medizin Hilft geboren. 2016 gründeten wir einen gemeinnützigen Verein und versorgen seitdem alle Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen keine Krankenversicherung haben. Dazu gehören Deutsche, die wohnungslos sind oder sich ihre Versicherungsbeiträge nicht mehr leisten können, EU-Bürgerinnen und -Bürger sowie Geflüchtete, bei denen sich Lücken in der Versorgung ergeben. 

Wie sieht der Alltag eines Ehrenamtlichen beim Medizin Hilft e.V. aus?

In der medizinischen Anlaufstelle open.med Berlin bieten unsere Ärztinnen und Ärzte an zwei Tagen in der Woche kostenlose medizinische Versorgung und zusätzlich nach Terminvereinbarung psychologische und psychiatrische Sprechstunden an. Die Ärzt*innen beginnen ihre Sprechstundendienste Dienstag- oder Donnerstagnachmittag und sind in der Regel bis abends in der Anlaufstelle open.med aktiv. Gemeinsam mit jeweils einer Pflegekraft, einer Medizinstudierenden und mithilfe von Sprachmittlung behandeln sie die Patient*innen und beraten auch individuell zu den Erkrankungen. 

Was motiviert Ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter dazu, sich bei Medizin Hilft e.V. zu engagieren?

Der Mehrwert, den unsere Ehrenamtlichen aus ihrer Arbeit ziehen, lässt sich am besten aus zwei ihrer Zitate ablesen: 

Barbara Grube, niedergelassene Allgemeinmedizinerin: 

„Ich empfinde es als sehr befriedigend, niedrigschwellig Menschen zu helfen, die das wirklich brauchen. Auch unser tolles Team ist eine starke Motivation, viele Probleme werden bei uns im Team diskutiert und schwierige Entscheidungen gemeinsam getroffen. Wir achten neben der Qualität der medizinischen Behandlung sehr auf Wertschätzung den Patienten gegenüber, aber auch untereinander.“ 

Brigitte Kodsi, Anästhesistin im Ruhestand: 

„Wir leben in einem reichen Land mit einem hoch angesiedelten Sozialsystem. Dennoch gibt es viele Menschen, die keinen Zugang zu unserem Gesundheitswesen haben, ob nun verschuldet oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Ich finde es einfach unerträglich und unverantwortlich, diesen Menschen, woher auch immer sie kommen, den Zugang zu einer ordentlichen Gesundheitsversorgung zu verschließen. Deshalb stelle ich meine Kenntnis und meine jahrelange berufliche Erfahrung diesen Benachteiligten zur Verfügung.“ 

Welche Bedeutung hat das Ehrenamt für den Gesundheitssektor?

Als gemeinnütziger Verein sehen wir unsere Aufgabe darin, dort zu helfen, wo die Not am größten ist. Das Gesundheitssystem weist einige strukturelle Lücken auf und oft fehlen die Ressourcen, um alle Bedarfe zu decken. Zudem ist das Gesundheitssystem sehr hochschwellig, sodass es für neu angekommene Menschen schwierig ist, Zugang zu finden. An dieser Stelle ist das Ehrenamt eine wichtige Stütze, diese Lücken temporär zu überbrücken und darauf hinzuwirken, sie zu schließen.

Interview mit Mandy Kremer

Sternenzauber & Frühchenwunder e.V.

Das Hauptziel des Sternenzauber & Frühchenwunder e.V. ist es, Kindern, die viel zu früh zur Welt kommen und versterben, einen würdevollen Abschied zu bereiten. Der Verein kümmert sich aber auch um Frühchen. Die Kleinen erhalten handgenähte Kleidung in Größen, die es nicht zu kaufen gibt. Für die Eltern ist es ein Ereignis, wenn sie ihre kleinen Frühstarter, die sich im Wärmebettchen liegend ins Leben kämpfen, die bunten Strampler anziehen können. Darüber hinaus kümmert sich der Verein um die Geschwister der Frühchen und Sternenkinder.

Sternenzauber Fruehchenwunder e.V. Logo
Mandy Kremer vom Sternenzauber und Frühchenwunder e.V.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit selbstgemachten Textilien Angehörigen zu helfen?

Erfahrung. Die Idee entwickelte sich aus der Erfahrung von Sterneneltern, die ihr eigenes Kind nackt beerdigen mussten oder gar nicht wissen, was mit ihrem Kind passierte. Keine Erinnerungen, keine Verbindung. Einfach nichts und ein großes leeres Loch.

Welche Bedeutung messen Sie der Arbeit Ihres Vereines zu?

Jede dritte Schwangerschaft ist betroffen. Wir sprechen über 300.000 Sternenkinder im Jahr. 300.000 Elternpaare und Geschwister, die in einer Tabuzone leben und nicht über ihre Kinder sprechen. 300.000 Elternpaare, die keinerlei Akzeptanz erfahren. Keinen Trost.

Es gibt in Deutschland keine bundeseinheitliche Bestattungspflicht für Geburten unter 500 Gramm. Aber durch Sensibilisierung und viele Gespräche nutzen die Familien immer häufiger das Bestattungsrecht und lassen ihre Kinder beisetzen. Und dieser Abschied soll schön sein.

Außerdem haben wir während unserer Arbeit festgestellt, dass die betroffenen Geschwisterkinder viel zu oft ins Abseits geraten. Niemand hört sie. Aber sie trauern. Sie haben auch Ängste um die Frühstarter. Dies führt zu Problemen in der Jugend und darüber hinaus. Und so entwickelten sich die Projekte „Hauke Hase“ für verwaiste Geschwisterkinder und „Klara Kleeblatt“ für Geschwisterkinder von Frühchen.

Wie sieht ein typischer Tag als Ehrenamtlicher bei Sternenzauber & Frühchenwunder e.V. aus? 

Unsere Ehrenamtliche Martina Bahls hat dazu ihren Alltag in der Vereinsarbeit beschrieben:

„Ich versuche täglich etwas für den Verein zu machen, da er ein Teil von mir geworden ist. Nachdem ich meine Kinder zu Schule und Kita gebracht habe, schaue ich was im Haushalt ansteht, je nachdem schmiede ich mir einen Plan, was ich für den Verein schaffe. Momentan nähe ich Schlafsäckchen, da denke ich viel darüber nach, wie viele kleine Füße wohl warm gehalten werden müssen. Meine Kinder freuen sich, wenn sie helfen können. Manchmal mangelt es an Lust, aber auch sie wissen, worum es geht. Es gibt so einige Nachmittage, wo wir zusammen am Tisch sitzen und für den Verein basteln. Der Kleine versucht manchmal auch den genähten Schuh anzuziehen. Der Verein ist für mich ein fester Bestandteil geworden.“

Was bewegt Ehrenamtliche des Sternenzauber & Frühchenwunder e.V. zum Engagement?

Hierzu lasse ich gerne wieder Frau Bahls zu Wort kommen: 

„Mein Großer fragte mich neulich: ‚Mama, wie war das damals mit den Babys, die zu früh gestorben sind?‘ Leider konnte ich ihm nur sagen, dass meine Mama damals nicht über ihre vier Fehlgeburten gesprochen hat, dass man es früher verschwiegen hat. Bis heute kann sie darüber nicht reden. Wir reden offen über das Thema. Ich bin froh, dass ich helfen kann. Ob es die Frühchen sind, die genähte Kleidung von mir tragen, oder die gehäkelten Erinnerungsstücke, die einer Familie Trost spenden.“ 

Auch unser Mitglied Nicole Kropp sieht dies ähnlich:

„Der Mehrwert ist eindeutig das Gefühl, ganz vielen Eltern etwas Unterstützung geben zu können und ihnen aufzuzeigen, dass sie nicht mit ihrer Situation alleine sind. Wir hatten selbst ein reifes Sternchen geboren und da standen wir ziemlich schlecht beraten da. Jeder soll wissen, welche Möglichkeiten es gibt und diese auch ohne Scham nutzen.“

Wie finde ich das perfekte Ehrenamt?

Wie finde ich das perfekte Ehrenamt?

Viele Engagierte rutschen ganz natürlich in ein bestimmtes Ehrenamt, etwa durch sportliche Interessen oder Freunde, die zum Helfen anregen. Andere wiederum haben noch keine genauen Vorstellungen und möchten lieber aktiv nach einer sinnvollen und spannenden Betätigung suchen. Wir haben Susanne Eckardt von der Landesfreiwilligenagentur Berlin und Ines Brüggemann vom Gute Tat e.V. danach gefragt, wie Interessierte das perfekte Ehrenamt für sich finden können.

 
Freiwilligenagentur Berlin: Freiwilligenagenturen sind bei der Suche nach dem perfekten freiwilligen Engagement gern Ansprechpartner. Interessierte können sich beispielsweise an die Freiwilligenagentur in ihrem Bezirk wenden oder auch an verbandliche Freiwilligenagenturen. Die Beratung kann persönlich, digital oder telefonisch erfolgen. Es werden verschiedene Empfehlungen herausgesucht und dann kann sich der oder die Freiwillige entscheiden, was das Richtige ist und ganz ohne Druck und Zwang den Kontakt herstellen. Ein weiteres Serviceangebot der Freiwilligenagenturen ist die persönliche und kostenlose Beratung bei speziellen Fragen zum Engagement, zum Beispiel zum Versicherungsschutz, zur Aufwandsentschädigung oder zu Engagementvereinbarungen.
 
Freiwilligenagentur Berlin: Die Engagemementangebote sind vielfältig. Patenschaften für Kinder, Mentoring für Jugendliche, Unterstützung bei der Öffentlichkeitsarbeit, Engagement für Natur und Umwelt oder auch digitales, sogenanntes Online-Volunteering sind hier beispielhaft zu nennen. Der zeitliche Umfang kann sehr unterschiedlich sein. Vom langfristigen bis zum punktuellen Engagement ist vieles möglich.
 
Freiwilligenagentur Berlin: Selbstverständlich! Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten sich zu beteiligen. Online-Petitionen, Crowdfunding-Aktionen und soziale Spendenportale sind auch eine Form der Unterstützung.