Interview mit Prof. Dr. Andrea Pieter: Digitale Sport­angebote.

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion

Redakteurin

Digitale Sportangebote: Vor allem Einsteiger brauchen langfristige Motivation

Die Corona-Beschränkungen haben bei vielen Menschen den regelmäßigen Gang ins Fitnessstudio, auf den Sportplatz oder in den Sportkurs durch digitale Angebote ersetzt. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit, waren allerdings schon vor der Krise im Trend. Das zeigt auch ein neuer Studiengang an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG). Ab dem kommenden Semester trägt dieser dem zunehmend digitalen Gesundheitsbereich Rechnung.

Welche Trends es dieses Jahr in den Bereichen Sport und Fitness gibt und was die größten Unterschiede zwischen Online-Kursen und Sport vor Ort sind, erläutert Prof. Dr. Andrea Pieter im Interview. Die Professorin für Gesundheitsmanagement ist Rektorin der DHfPG und leitet den Fachbereich Psychologie und Pädagogik.

Die DHfPG bietet seit fast 20 Jahren duale Bachelor-Studiengänge in den Bereichen Prävention, Fitness, Sport und Gesundheit an. Welche Studiengänge erfreuen sich aktuell großer Beliebtheit?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Prof. Dr. Andrea Pieter

Der Studiengang mit den meisten Studierenden ist der Bachelor of Arts Fitnessökonomie, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass dies der erste Studiengang war, den wir 2002 angeboten haben. Dieser Studiengang erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit, da er die Bereiche Wirtschaftswissenschaften und Trainingswissenschaften ideal kombiniert und somit den Studierenden eine Perspektive für Leitungsaufgaben zum Beispiel in Fitness- und Gesundheitsanlagen bietet.

Auch bei den Unternehmen trifft er auf eine hohe Nachfrage, was insbesondere deshalb hervorzuheben ist, da die Bachelor-Studiengänge der DHfPG duale Studiengänge sind, bei denen die Studierenden schon während des Studiums in einem Betrieb fest angestellt sind und eine ausbildungsähnliche Vergütung erhalten.

Eine Entwicklung, die wir schon seit einigen Jahren beobachten, ist das steigende Interesse an Studiengängen, die stark auf den Themenbereich Gesundheit ausgerichtet sind, wie der Bachelor of Arts Gesundheitsmanagement oder der Bachelor of Arts Ernährungsberatung. Dies lässt sich sicherlich darauf zurückführen, dass Gesundheit immer wichtiger wird und hier Experten gefragt sind, die Konzepte für eine gesundheitsorientierte Verhaltensänderung erarbeiten und Kunden auf dem Weg hin zu einem gesunden Lebensstil professionell betreuen und begleiten.

Eine starke Entwicklung kann auch im Studiengang Bachelor of Arts Sportökonomie festgestellt werden, der insbesondere Vereine oder Arbeitgeber aus der Sportbranche wie Agenturen, Sportvermarkter oder auch die Sportartikelindustrie anspricht und somit weitere, sehr interessante Tätigkeitsfelder eröffnet.

Aktuell ist eine neue Tendenz zu erkennen, der die DHfPG erstmals zum Wintersemester 2020 im neuen Studiengang Bachelor of Science Sport- und Gesundheitsinformatik Rechnung trägt. Der Gesundheits- und Sportbereich wird zunehmend digital und deshalb sind hier Spezialisten gefragt, die in der Lage sind, Sport beziehungsweise Gesundheit und Informatik miteinander zu verknüpfen.

Welche Trends zeichnen sich Ihrer Meinung nach in diesem Jahr im Bereich Sport und Fitness ab?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Prof. Dr. Andrea Pieter

Nachdem sich in den letzten Jahren die „Performance“-orientierten Angebote wie Crosstraining sehr positiv entwickelt haben, ist in diesem Jahr – auch aufgrund der aktuellen Lage – eine starke Orientierung hin zu gesundheitsorientierten Angeboten zu erkennen.

Insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenbeschwerden, Übergewicht oder Stoffwechselproblemen ist die positive Wirkung von Fitnesstraining schon sehr gut in der Bevölkerung angekommen. Hier kann gezieltes Training, bei dem der Widerstand immer an das jeweilige Trainingslevel angepasst werden kann, gute Dienste leisten.

Was für viele Personen neu ist, aber gerade in der letzten Zeit stark an Bedeutung gewonnen hat, ist das Wissen um die positive Wirkung, die insbesondere Krafttraining auf das Immunsystem hat. Mit dem richtig dosierten Training kann man ein deutlich gestärktes Immunsystem aufbauen. Die Verbindung aus einem starken Immunsystem und den positiven Auswirkungen auf die oben genannten Zivilisationskrankheiten ermöglicht es den Trainierenden, bis ins hohe Alter fit, aktiv und gesund zu bleiben.

Aus diesem Grund steigt auch die Nachfrage nach gesundheitsorientiertem Training bei den „reiferen“ Bevölkerungsschichten sehr deutlich an und sorgt dafür, dass das Durchschnittsalter der Trainierenden branchenweit schon heute bei über 40 Jahren liegt und in vielen gesundheitsorientierten Anlagen sogar noch deutlich höher ist.

Durch die Corona-Pandemie setzen viele Bürgerinnen und Bürger auf Online-Kurse. Wie sind die Studiengänge darauf ausgerichtet, dass Sport derzeit und wohl auch zukünftig mehr in den eigenen vier Wänden stattfinden wird?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Prof. Dr. Andrea Pieter

Ein wesentliches Element unserer Studiengänge ist die „richtige“ Vermittlung von gesundheitsorientiertem Training. Dabei ist es unerheblich, auf welche Art dies erfolgt, also ob direkt im Kontakt mit dem Kunden oder in Form eines Online-Kurses.

Eine Vermittlung durch Online-Kurse ist auch nicht neu, sondern wird nur während der Corona-Pandemie verstärkt genutzt. Viele Studios bieten ihren Mitgliedern jedoch schon seit Längerem zusätzliche Online-Programme oder stellen individuelle Trainingsprogramme über Apps zur Verfügung, zum Beispiel für den Urlaub oder die Geschäftsreise. Das reicht von Online-Kursen bis hin zu einem individuellen Coaching über Videotelefonie oder ähnlichen Angeboten.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den Kursen vor Ort und den Online-Kursen?

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion
Prof. Dr. Andrea Pieter

Prof. Dr. Andrea Pieter: Für die Teilnehmenden macht es einen großen Unterschied. Denn besonders beim Einstieg in das Fitnesstraining ist eine professionelle Anleitung unerlässlich. Durch diese Betreuung wird die korrekte Ausführung der Bewegungen richtig erlernt, sodass Fehlbelastungen von Anfang an vermieden werden. Bei den Angeboten vor Ort hat der Trainer alles im Blick und kann korrigierend eingreifen. Außerdem motiviert es, unter Gleichgesinnten Fitness zu betreiben, und selbstverständlich ist auch der Spaßfaktor deutlich größer, als wenn man daheim alleine vor dem Bildschirm trainiert.

Die Erfahrung zeigt, dass Sport innerhalb der eigenen vier Wände über eine längere Zeit vor allem von Personen gemacht wird, die schon über – teilweise sehr lange – Trainingserfahrung verfügen und das Training zu Hause oftmals auch zusätzlich zum Training im Studio absolvieren. Also das „kleine Training zwischendurch“ zu Hause und dann der Spaß und die zusätzliche Motivation beim Training im Studio.

Nur die wenigsten Einsteiger verfügen gerade in der Anfangszeit über die notwendige, langfristige Motivation. Die Trainer in den Studios sind speziell ausgebildet, um Kunden bei einer Verhaltensänderung zu begleiten und so anzuleiten, dass das Training auch wirklich zu einer deutlichen Verbesserung der Gesundheit führt und ein fester Bestandteil des Lebens wird. Nicht zu vernachlässigen ist auch, dass in den Studios spezielle Trainingsgeräte zur Verfügung stehen, die ein richtig dosiertes und risikofreies Training ermöglichen, teilweise sogar elektronisch gesteuert und damit genau auf den Trainierenden abgestimmt.

Wer trotzdem nicht ins Studio gehen möchte, sollte sich gerade zu Beginn dennoch eine fachkundige Betreuung durch einen Personal-Trainer „gönnen“. Zunehmend mehr Personen greifen auch dauerhaft auf die Zusammenarbeit mit einem Personal-Trainer zurück, der dann die ideale Anpassung des Trainingsprogrammes vornimmt und für die notwendige Motivation sorgt. Dieser Service ist zwar etwas kostenintensiver, dafür aber auch zu 100 Prozent individuell und wird sowohl von Studios als auch von freiberuflichen Trainern angeboten.

Vielen Dank für das Interview, Frau Prof. Pieter.

Anja Schlicht - Krankenversicherung.net Redaktion